Wem „gehört“ eigentlich ein Wort? Was bedeutet es, und wer bestimmt das?

Am Tag der Deutschen Einheit, und auch noch einen Tag danach, denken wir bei diesem Wort natürlich an 1990. Allein dazu gäbe es unglaublich viel zu sagen, zu streiten und infrage zu stellen. Mein Eindruck ist, dass die Zeichen gerade eher in die Gegenrichtung weisen, und ich finde das persönlich nicht einmal schlecht. Viele Ostdeutsche fühlen sich mit dem großen Ganzen weniger eins, als man es sich 1990 erhofft hat. Manche haben von der „Einheit“ die Nase voll und zweifeln sogar an der „WiedervereEINigung“. Manche würden wohl lieber wieder ihr eigenes Ding machen. Der beschworene Gedanke verblasst.

Ein Schild am Straßenrand

Auf das Thema gebracht hat mich aber etwas anderes, nämlich ein Straßenschild. Hier im Osten bin ich immer wieder auf eine „Straße der Einheit“ gestoßen und habe mich gefragt, woher der Name kommt. Anders als man auf den ersten Blick denkt, ist damit meistens nicht die deutsche Einheit gemeint.

Die andere Einheit von 1946

Am 21. und 22. April 1946 schlossen sich in Berlin KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zusammen, der SED. Der Händedruck zwischen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl wurde zum Parteiabzeichen. Folgerichtig hieß auch die theoretische Zeitschrift der Partei, die ab Februar 1946 erschien, schlicht „Einheit“.

Von innen heraus gewachsen war diese Vereinigung nicht. Nach der Erfahrung von 1933 wünschten sich zwar viele Sozialdemokraten eine gemeinsame Arbeiterpartei. Durchgesetzt wurde die Fusion aber von oben, auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht und der KPD-Führung. Frei abstimmen durften die SPD-Mitglieder nur in den Westsektoren Berlins. Dort stimmten am 31. März 1946 82 Prozent gegen die sofortige Verschmelzung, eine Mehrheit sprach sich aber für eine Zusammenarbeit aus. Im Ostsektor und in der sowjetischen Zone war die Abstimmung verboten. Deshalb spricht man von einer Zwangsvereinigung. Sie sicherte der KPD unter sowjetischem Schutz die Macht.

Wie eng die Straßennamen damit verbunden sind, zeigt Potsdam. Dort wurde der Wilhelmplatz am 26. März 1946 in „Platz der Einheit“ umbenannt, mitten in der Kampagne für die Vereinigung. Als die Stadtverordneten nach 1990 über eine Rückbenennung abstimmten, endete das mit einem Patt, weil ein Abgeordneter glaubte, es gehe um die deutsche Einheit. Der Platz heißt bis heute so.

2004 zählte eine Untersuchung 285 Straßen der Einheit. Heute verzeichnet das Straßenverzeichnis onlinestreet den Namen genau in dieser Form 182-mal in Deutschland, vor allem im Osten. Nicht jede davon stammt aus SED-Zeiten. Leipzig erklärt seine Straße der Einheit ausdrücklich mit der Wiedervereinigung.

Einheit, wohin man schaut

Einem DDR-Bürger war die „Einheit“ also schon vor der deutschen kein Fremdwort. Es gab das „einheitliche sozialistische Bildungssystem“. Das klang gut, und in manchem war es das auch. Wer allerdings auf die Erweiterte Oberschule wollte, merkte schnell, dass dort nicht nur die Noten zählten. Das Wort „Einheitsschule“ hat dagegen einen eher negativen Beigeschmack. Dabei stammt es aus der Schulreform der Weimarer Zeit, und 1946 hieß das neue Schulmodell in der sowjetischen Zone ganz offiziell „demokratische Einheitsschule“. Den schlechten Klang bekam das Wort erst später, im westdeutschen Streit um die Gesamtschule. Seltsam, nicht wahr?

Unter Honecker kam man an der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ nicht vorbei. Gemeint war, dass sich der wirtschaftliche und technische Fortschritt im Lohn der „Werktätigen“ und in den Sozialleistungen zeigen sollte. Überspitzt konnte man es auch so lesen: „So wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten.“ Das ist die Umkehrung einer Losung aus der Ulbricht-Zeit, die 1953 der Zittauer Weberin Frida Hockauf zugeschrieben wurde: „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.“ Dort kam erst die Leistung und dann der Lohn, also die logischere Reihenfolge von Ursache und Wirkung.

Hinter dem bekanntesten Monument meiner Heimatstadt Chemnitz, dem „Nischel“, steht in großen Lettern und in vier Sprachen der Schlusssatz des Kommunistischen Manifests: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Auch das ist Einheit, nur als Verb.

Was ist Einheit eigentlich?

Ich glaube, der Begriff hat einen sehr grundlegenden Ursprung in unserer Wahrnehmung und damit in unserem Denken. Die Gestaltpsychologie kennt das Gesetz des gemeinsamen Schicksals: Elemente, die sich gemeinsam bewegen, nehmen wir als eins wahr, obwohl wir die einzelnen Teile deutlich sehen. Schau dir einen Vogelschwarm an. Aus Hunderten Vögeln wird ein einziges neues Wesen, das ein eigenes Leben zu führen scheint. Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile. Das ist das Wunder der Einheit.

Was bleibt

Die meisten Straßen der Einheit verdanken wir der SED. Weil heute aber jeder zuerst an die deutsche Einheit denkt, dürfen die Schilder bleiben. Wie praktisch, denn die Rück- oder Umbenennung kann man sich sparen. Die Einheitspartei gibt es so nicht mehr, ihre Straßen dagegen wurden, wie man heute sagt, „kulturell angeeignet“, und das ausgerechnet vom „revanchistischen Klassengegner“. Dass es einmal so weit kommt, hätte sich 1946 keiner der Namensgeber vorstellen können. So verrückt kann manchmal Geschichte sein.

Bleibt die Frage: Wie lange hält die heutige Bedeutung der „Straße der Einheit“ noch?

Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Chronik zum 31. März 1946; Bundesarchiv, „Die Gründung der SED“; Stadt Potsdam, Antrag 20/SVV/0999 (2020); Hubertus Knabe, „Die DDR lebt“ (2019, zur Zählung von 2004); onlinestreet.de; Stadt Leipzig, Straßennamenverzeichnis.

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