Der Goldschmuck von Hiddensee reist um die Welt

Museumsvitrine mit dem Hiddenseer Goldschmuck im Stralsunder Museum, Herbst 1986, davor eine Museumsaufsicht und Besucher

Wie ein wikingerzeitlicher Fund von der Ostseeinsel zum Aushängeschild von vier deutschen Staaten wurde

Wer in den siebziger Jahren zur Ostseewoche nach Stralsund fuhr, kannte den Hiddenseer Goldschmuck als festen Programmpunkt — Jahr für Jahr ausgestellt, fast schon Ritual, so selbstverständlich wie die Reden zur „Waffenbrüderschaft“ am Ostseeufer. Dass ausgerechnet dieses vertraute Stück im Sommer 1986 zum Prestigeobjekt einer Staatsausstellung in Stockholm wurde — mit über 25.000 Besuchern, Vorträgen und Konzertprogramm —, war kein Zufall. Es war nur die jüngste in einer ganzen Reihe von politischen Karrieren, die dieses Gold in einem einzigen Jahrhundert durchlief.

Ein Strandfund wird zur Sensation

Gefunden wurde der Schmuck zwischen 1872 und 1874 als Strandgut bei Neuendorf auf Hiddensee — vermutlich freigespült durch schwere Sturmfluten. Ein Segelmacher meldete die ersten Stücke, der Sammler Rudolf Baier kaufte sie den Findern pauschal nach Gewicht ab. Was da aus dem Sand kam, war beeindruckend: Goldschmiedearbeit aus der Zeit um 970/980, kunstvoll genug, um bis heute als eines der bedeutendsten Beispiele wikingerzeitlicher Goldschmiedekunst zu gelten. Ein archäologischer Glücksfall also — zunächst nichts weiter als das.

Vom Fundstück zum Politikum

Interessant wird es erst, wie unterschiedlich nachfolgende deutsche Staaten mit diesem einen Objekt umgingen. 1936 veröffentlichte der Archäologe Peter Paulsen die erste umfassende Studie dazu — und deutete den Fund im Sinne der Zeit als „germanischen“ Schmuck. Zu den Berliner Olympischen Spielen desselben Jahres diente eine Replik als Beleg für die „Kultur des Gaus Pommern“; ab Herbst 1936 stand sie im Stralsunder Museum als Zeugnis „germanischer Vorherrschaft im Ostseeraum“. Aus einem Strandfund war eine ideologische Beweisführung geworden — ganz ohne dass sich am Gold selbst etwas geändert hätte.

Die DDR knüpfte, mit anderen Vorzeichen, an diese Praxis an. Bis 1975 gehörte der Schmuck fest zum Programm der alljährlichen Ostseewoche in Stralsund — einer Veranstaltung, die die „sozialistische Waffenbrüderschaft“ der Ostseeanrainer feierte. 1973 erhielt Erich Honecker eine Replik geschenkt; zum 30. Jahrestag der Befreiung 1975 wurde sogar erzählt, der Schatz sei durch die sowjetische Besatzung vor dem Zugriff des Westens „gerettet“ worden. Beides stimmte gleichzeitig: Der Fund war ein echtes, anerkanntes kulturhistorisches Erbe — und gleichzeitig ein zuverlässiger Lieferant für die jeweils passende Staatserzählung.

Derselbe Schmuck, vier Geschichten

Bemerkenswert ist dabei weniger, dass die DDR ihn politisch nutzte — das taten ihre Vorgänger auch —, sondern wie austauschbar die Botschaft war, während das Objekt gleich blieb. Kaiserreich, NS-Staat und DDR erzählten mit demselben Gold jeweils eine andere Geschichte über sich selbst: einmal wissenschaftliche Entdeckung, einmal „germanische“ Überlegenheit, einmal sozialistische Rettung vor dem Klassenfeind. Ein Objekt, das offenbar für jede Legitimationserzählung gutes Material hergab — man musste nur die Überschrift austauschen. Fast könnte man sagen: Der Goldschmuck war der geduldigste Zeitzeuge der deutschen Geschichte, weil er sich nie gewehrt hat.

1986 kam dann eine neue Variante hinzu, und diesmal mit einer echten Premiere: Nicht mehr die Replik, sondern das Original reiste nach Stockholm — das erste Mal überhaupt ins Ausland. Der ND-Artikel rahmte das als Hommage an den kurz zuvor ermordeten Olof Palme und als Beitrag zu den „gutnachbarlichen Beziehungen“. Beide Rahmungen waren nicht falsch. Aber sie standen eben auch in einer Reihe mit allem, was diesem Schmuckstück vorher schon widerfahren war: Er wurde gebraucht, und er lieferte.

Wer heute vor der Vitrine im Stralsunder Museum steht, sieht ein für seine Zeit atemberaubendes Stück Goldschmiedekunst. Die vier Geschichten, die man ihm im 20. Jahrhundert nacheinander übergestülpt hat, sieht man ihm nicht an.

Was das Gold im Kopf anrichtet

Und wer damals davorstand, dachte vermutlich an keine dieser Geschichten. Er schaute nur. Dabei passierte im Kopf etwas, das die Wahrnehmungsforschung inzwischen recht gut beschreiben kann. Gold ist das Metall, das nach tausend Jahren im Sand aussieht wie gestern poliert, denn es rostet nicht. Das Auge meldet „neu“, das Wissen sagt „tausend Jahre alt“. Aus diesem Widerspruch macht das Gehirn Staunen: Es stutzt, schaut länger hin, will die Lücke schließen. Neues und Rätselhaftes spricht das Belohnungssystem besonders an, und wo etwas größer ist als die Schubladen, die man dafür im Kopf hat, beschreiben Psychologen ein eigenes Gefühl: Ehrfurcht, dieses angenehme Kleinerwerden vor etwas Großem.

Dazu kommt die Feinarbeit. Goldkügelchen, kaum größer als ein Mohnkorn, einzeln aufgesetzt. Wer das sieht, übersetzt Sehen unwillkürlich in Tasten und spürt beinahe die Finger des Goldschmieds, der vor tausend Jahren über dieses Stück gebeugt saß. Und weil niemand weiß, wem der Schmuck gehörte, einem König, einer Fürstin, einem Händler, der Pech mit dem Wetter hatte, springt jener Teil unseres Denkens an, der Leerstellen nie leer lassen kann. Selbst die Anhänger spielen mit: Man kann in ihnen ein Kreuz sehen oder Thors Hammer, je nachdem, wer schaut. Vielleicht erklärt gerade das, warum sich jede Epoche ihre eigene Geschichte hineinlesen konnte.

Für einen Besucher aus Rostock oder Riesa hatte das 1986 noch eine Tiefe mehr. Hier lag etwas, das über Meere gekommen war, aus einer Welt, in der Haithabu, Kiew und Byzanz an denselben Handelswegen lagen. Fernweh, sauber verpackt in einer Vitrine.

Tausend Jahre Salz und Sand und nicht ein Hauch von Rost. Das Gold hat nichts vergessen und nichts verraten.

Es lag im Dunkel, als die Stürme kamen, es lag im Licht, als man ihm Namen gab, germanisch, sozialistisch, nach Stockholm geliehen, es hat zu allem geschwiegen und weitergeleuchtet.

Wer davorstand, hörte trotzdem Wellen, sah ein Schiff, das nie ankam, und eine Hand, die den Verschluss zum letzten Mal schloss.

Quelle: Neues Deutschland, 25.9.1986, S. 4 — „Hiddenseer Goldschmuck faszinierte“ (Jochen Preußler); ergänzend recherchiert: Neues Deutschland 11.6./21.6./3.7.1986, Deutsche Digitale Bibliothek, vikinggold.org

Bild zur Veranschaulichung des Textes wurde mit technologischen Mitteln künstlich erstellt. (KI-generiert)

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