Feuilletonartikel – Konstantin Simonow — Kriegstagebücher
Am 22. Juni 1941, kurz nach 14 Uhr, hebt in Moskau ein Schriftsteller den Telefonhörer ab. Er hat den ganzen Vormittag an Gedichten gearbeitet und ist nicht ans Telefon gegangen. Das erste, was er hört, sind drei Worte: „Es ist Krieg.“ Konstantin Simonow ist fünfundzwanzig, soeben aus einem Lehrgang für Militärkorrespondenten zurückgekehrt, und er hält den Krieg in den ersten beiden Tagen, wie er später schreibt, „naiv wie ein kleiner Junge“ für eine Sache, die durch Truppen vor uns und hinter uns rasch wieder geordnet sein werde. Vier Jahre später wird er das Gegenteil wissen. Sein Buch darüber, vierzig Jahre nach Kriegsende, lag als hellbraunes Reclam-Heft in DDR-Schultaschen.
Metall-, Keramik- und Plastspritzen – Eberhard Kretzschmar – Fachbuchbesprechung
Ein DDR-Fachbuch von 1963 zitiert das Innenraketentriebwerk der X-15 ebenso wie die Spinnmaschinen der ERMAFA Karl-Marx-Stadt — ein essayistischer Streifzug durch Eberhard Kretzschmars Standardwerk zur thermischen Beschichtung. Das Feuilleton folgt der Spur eines konkreten Buchexemplars aus einer sächsischen Werkbibliothek und legt dabei das Forschungsnetz frei, das die DDR-Spritztechnik der frühen sechziger Jahre an die internationale Forschungsfront band. Etwa 1.700 Wörter, als PDF zum sofortigen Download.
Der Utofant von Johanna und Günter Braun – Feuilletonartikel
Excerpt (Kurzbeschreibung) Was 1981 als DDR-Mangelwirtschafts-Satire gelesen wurde, liest sich heute mit beunruhigender neuer Klarheit: Johanna und Günter Brauns „Utofant“ entwirft ein fingiertes Zukunftsjournal, in dem ein Volk für nichts spart und eine Erfinderin verlorene Lebenszeit zurückzahlbar macht. Vier Jahrzehnte später ist das nicht mehr fern, sondern vertraut. Ein Feuilleton über ein Buch, das uns […]
Feuilletonartikel – Achttausend Gedichte und ein Fallschirm
Stellen Sie sich vor, es ist 1980, ein Wohnzimmer in Karl-Marx-Stadt, das Kind hat das Buch auf den Knien und blättert die mittlere von drei waagerecht geschnittenen Seitenstreifen um. Eben war der Polizist noch ein geübter Häuserbauer; jetzt ist die Krankenschwester eine fließende Russisch-, Englisch- und Spanischsprecherin, die einen abends auf das Töpfchen setzt. So sehen achttausend Gedichte aus, wenn man sie selber bauen darf.
Bitte, bleiben Sie vor dem Bildschirm – Feuilleton-Artikel zu „Fernsehen“ von Walter Conrad
Im Oktober 1959 baten Fernsehsprecher in vielen Sprachen darum, vor dem Bildschirm sitzen zu bleiben — gleich werde man die ersten Bilder der Mondrückseite zeigen. Walter Conrad eröffnet sein populärwissenschaftliches Bändchen Fernsehen, erschienen 1960 in der Passat-Bücherei des Urania-Verlags Leipzig/Jena, mit genau diesem Moment. Was wie ein Lehrbuch über Nipkow-Scheiben anfängt, kippt in der zweiten […]
Feuilleton Artikel zu Nicos und der Mondfisch – „Wo der Riesenkrake wohnt“
Manche Kinderbücher beschreiben politische Verhältnisse genauer als Erwachsenenromane. Vielleicht weil sie es müssen. „Nicos und der Mondfisch“ von Carola und Thomas Nicolaou, 1972 im Kinderbuchverlag Berlin erschienen, erzählt einem Achtjährigen vom verhafteten Vater — und versteckt eine der ungewöhnlichsten Diktatur-Allegorien in einem schmalen Trompeterbuch.