Feuilleton Artikel zu Nicos und der Mondfisch – „Wo der Riesenkrake wohnt“
Wer einem Achtjährigen erklären will, warum sein Vater nicht heimgekehrt ist, kommt mit Abstraktion nicht weit; er braucht Bilder. Einen Riesenkraken auf dem Meeresgrund. Einen kleinen Fisch in einer austrocknenden Pfütze. Ein DDR-Kinderbuch von 1972, das auf Seite 17 sagt, was Erwachsenenromane oft umschreiben.
Worum geht es?
Der Feuilletonartikel widmet sich Carola und Thomas Nicolaous „Nicos und der Mondfisch“, erschienen 1972 in der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“ des Kinderbuchverlags Berlin. Der Essay liest dieses schmale, im Zweifarbendruck gehaltene Kinderbuch als doppelbödige politische Allegorie — geschrieben in einer Zeit, in der in Griechenland die Junta der Obristen herrschte und der Autor selbst als evakuiertes Bürgerkriegskind aus Griechenland in der DDR aufgewachsen war. Wie kann ein Buch ab sieben Jahren von Wachtürmen, verhafteten Vätern und der unvollendeten Bewältigung der Vergangenheit erzählen? Und wie wird ein Hühnergott von der Ostsee zum magischen Schlüssel an einem griechischen Strand?
Behandelte Themen
- Die Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“: Fritz Weineck, Klassenkampf, antifaschistisches Erziehungsideal — und ein EVP von 1,75 M
- Thomas Nicolaou als evakuiertes Kind des griechischen Bürgerkriegs und das Schreiben über ein für DDR-Bürger unerreichbares Land
- Die Diktatur der Obristen und die Verbannungsinseln Makronissos und Gyaros als historischer Hintergrund
- Brigitte N. Krönings Holzschnitt-Ästhetik: Schwarz, Zyanblau, der Riesenkrake als amorpher Fleck und der Mondfisch mit dem klugen Auge
- Die Doppelstruktur: oben Märchen, unten Politik — die zermalmende Tyrannenrhetorik des Kraken („Ich bin der Beherrscher des Meeres, ich, ich!“)
- „Dem Bösen wachsen Arme nach“ — die zweideutige Schlüsselstelle und ihre Lesart als Mahnung an Griechenland und an die westdeutsche Entnazifizierung
- Der Hühnergott am griechischen Strand: ein Ostsee-Detail, das Griechenland für DDR-Kinder lesbar macht
Formale Angaben
- Umfang: ca. 1.760 Wörter / 6 Seiten (A4)
- Format: PDF, druckfähig gesetzt (mit Buchabbildung)
- Sprache: Deutsch
- Reihe: Feuilleton · ddrbuch.de
- Behandeltes Werk: Carola und Thomas Nicolaou, „Nicos und der Mondfisch“ (Kinderbuchverlag Berlin, 7. Auflage 1981, Erstauflage 1972), illustriert von Brigitte N. Kröning
Für wen?
Für Sammler der Trompeterbuch-Reihe, für Leserinnen und Leser, die DDR-Kinderliteratur als ernsthaftes ästhetisches und politisches Genre lesen, und für alle, die wissen wollen, wie ein Buch ab sieben Jahren 1972 von Diktatur, Verhaftung und unvollendeter Vergangenheitsbewältigung erzählen konnte — ohne den Stoff zu beschönigen und ohne die kindliche Leserschaft zu unterschätzen.