Ein Buch was es in dieser Form so heute nicht mehr geben wird! Ich weiß nicht, ob es den Beruf des „Berufskraftfahrers“ oder etwas ähnliches überhaupt noch gibt. Undenkbar ist jedoch, einen Fahrer mit einem derartig tiefgründigen und detailreichen Wissen über Grundprinzipien des Automobilbaus und der technischen Funktionalität von Bauteilen auszustatten. Es ist nicht so, dass die Inhalte veraltet wären, denn diese basieren im Kern auf physikalischen Grundlagen, die ebenfalls behandelt werden. Aber der Gedanke, dass ein Fahrer dieses ganze Grundlagenwissen der Komponenten seines Fahrzeugs braucht, ist verschwunden. Wir würden diese heute eher einem Mechatroniker (früher sagte man KFZ-Schlosser) zuordnen. Der Berufskraftfahrer von einst war also nicht nur Fahrer, nein er musste auch ein halber Mechaniker sein, um sich im Notfall selbst helfen zu können. Mehr als das noch darüber hinaus – es entsprach dem Zeitgeist, dass der Lenker des Wagens eben über jenes tiefgründige Fachwissen der Einzelteile verfügte und ein entsprechendes Bewusstsein hatte. Also: Man kann in ein Auto steigen und fahren. Und man kann in ein Auto steigen fahren und wissen, sich bewusstsein, WARUM es fährt und funktioniert. Das ist der Unterschied, den dieses Buch ausmacht.
FEUILLETON
Cugnot und der Wartburg
Zum „Lehrbuch für den Berufskraftfahrer, Teil 1: Fahrzeug- und Motorenkunde“, transpress 1970
Auf Seite 293 dieses Lehrbuchs steht eine Tabelle mit sieben Zeilen. Sie listet auf, was ein DDR-Berufskraftfahrer unter den Reifen haben konnte: Asphalt (Rollwiderstandsbeiwert 0,010 bis 0,013), Beton, Kleinpflaster, Kopfsteinpflaster, Schotterdecke, Erdweg, Sandboden mit 0,150 bis 0,300. Faktor dreißig zwischen den Extremen. Darunter eine kurze Anmerkung: Bei ausgefahrenen Straßen erhöhen sich die Beiwerte um 50 bis 100 Prozent. Das Rechenbeispiel im Anschluss schickt einen Lkw namens H 6, einen Werdauer 6,5-Tonner aus den frühen fünfziger Jahren, auf zwei Strecken: Autobahn (180 kp Rollwiderstand) und Kopfsteinpflaster (288 kp). Im Jahr der fünften Auflage war dieser H 6 schon ein Jahrzehnt außer Produktion. So beginnt der praktische Teil dieses Lehrbuchs: mit einem Fahrzeug, das es nur in der DDR gab.
Das ist kein Zufall. Das „Lehrbuch für den Berufskraftfahrer, Teil 1: Fahrzeug- und Motorenkunde“ erschien 1970 in fünfter Auflage beim VEB-Verlag transpress in Berlin, und es war kein gewöhnliches Fachbuch unter vielen. Im Impressum steht, was es war: ein verbindlich erklärtes Pflichtwerk der Staatlichen Plankommission. Wer in der DDR Berufskraftfahrer werden wollte, las dieses Buch. Es gab kein anderes.
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