Bitte, bleiben Sie vor dem Bildschirm – Feuilleton-Artikel zu „Fernsehen“ von Walter Conrad
Im Oktober 1959 baten Fernsehsprecher in vielen Sprachen darum, vor dem Bildschirm sitzen zu bleiben — gleich werde man die ersten Bilder der Mondrückseite zeigen. Walter Conrad eröffnet sein populärwissenschaftliches Bändchen Fernsehen, erschienen 1960 in der Passat-Bücherei des Urania-Verlags Leipzig/Jena, mit genau diesem Moment. Was wie ein Lehrbuch über Nipkow-Scheiben anfängt, kippt in der zweiten Hälfte in einen Befund, den ein Leser von 2026 nicht ignorieren kann.
Worum geht es?
Walter Conrad war einer der produktivsten populärwissenschaftlichen Autoren der DDR. Sein 1960 erschienener Band 20 der Passat-Bücherei wendet sich an die naturwissenschaftlich-technisch interessierte Jugend und führt didaktisch souverän durch die Geschichte der Fernsehübertragung — von der Bildelement-Theorie über die Reductio ad absurdum der mechanischen Nipkow-Scheibe (sie müsste, rechnet Conrad vor, 13 Meter Durchmesser haben) bis zu Manfred von Ardennes vollelektronischem Fernsehsystem von 1931. Bemerkenswert wird das Buch in seinem zweiten Teil. Conrad beschreibt unter dem Sammelbegriff „Industrielles Fernsehen“ eine Liste von Anwendungen, die unsere Gegenwart prägt: das Videotelefon der ehemaligen Reichspost, die Bankkamera zur Unterschriftenprüfung, den ferngesteuerten „Fernsehpförtner“, die Bibliothek, deren Bücher nicht mehr zum Leser, sondern deren Bilder zu den Bildschirmen der Leser geschickt werden sollen.
Behandelte Themen
- Die Lunik-3-Sonde und der Oktober 1959 als Eröffnungsszene des Buches
- Walter Conrads Didaktik vom Bildelement zur elektronischen Bildröhre
- Die historische Tiefenschicht: Nipkow, Hallwachs, Stoletow, Braun, Baird, Zworykin, Manfred von Ardenne
- Hans Frühaufs Geleitwort und die kulturpolitische Stunde 1960 (polytechnischer Unterricht, „Zeitalter der Elektronik“)
- Die Vorwegnahmen der Gegenwart: Videotelefonie, Banküberwachung, Industrieinspektion, digitales Fernlesen
- Die Intervision-Vereinbarung und transatlantische Bilderprojekte zwei Jahre vor Telstar 1
- Conrads Schlusssatz und seine Aktualität im Zeitalter allgegenwärtiger Bildtechnik
Formale Angaben
- Umfang: ca. 1.716 Wörter / 5 Seiten (A4)
- Format: PDF, druckfähig gesetzt (mit Buchabbildung)
- Sprache: Deutsch
- Reihe: Feuilleton · ddrbuch.de
- Behandeltes Werk: Walter Conrad, Fernsehen (Urania-Verlag, Leipzig/Jena 1960; Passat-Bücherei Band 20, mit Geleitwort von Hans Frühauf, Federzeichnungen von Karlheinz Birkner)
Für wen?
Für Leser, die Mediengeschichte nicht nur als historische Kuriositätensammlung lesen wollen, sondern als Vorlauf einer Gegenwart, deren Konturen 1960 schon präzise gezeichnet waren. Für Sammler der Passat-Bücherei und alle, die Conrads Sprache wiederbegegnen möchten.