Feuilletonartikel – Achttausend Gedichte und ein Fallschirm
Stellen Sie sich vor, es ist 1980, ein Wohnzimmer in Karl-Marx-Stadt, das Kind hat das Buch auf den Knien und blättert die mittlere von drei waagerecht geschnittenen Seitenstreifen um. Eben war der Polizist noch ein geübter Häuserbauer; jetzt ist die Krankenschwester eine fließende Russisch-, Englisch- und Spanischsprecherin, die einen abends auf das Töpfchen setzt. So sehen achttausend Gedichte aus, wenn man sie selber bauen darf.
Worum geht es?
Der Feuilletonartikel widmet sich Gottfried Herolds und Gerhard Rappus‘ kombinatorischem Klappbuch Landung auf dem Fußballplatz oder Was willst du werden?, 1979 im Verlag Junge Welt erschienen. Zwanzig Berufsseiten, jede horizontal in drei Streifen geschnitten, ergeben mathematisch achttausend mögliche Reimgedichte über die DDR-Arbeitswelt. Der Artikel rekonstruiert die Konstruktion des Buches, die ungewöhnliche Mosaik-Wurzel des Illustrators Gerhard Rappus, die ideologische Architektur der zwanzig Berufsbilder und die zentrale Frage: Wie konnte ein Berufsorientierungsbuch, das mit jeder Streifen-Kombination die feste Zuordnung von Person und Tätigkeit zerlegt, im Hausverlag der Pionierorganisation erscheinen?
Behandelte Themen
- Das kombinatorische Klappbuch als Format: Konstruktion, Mathematik, internationale Tradition
- Gottfried Herold (1929–2019), vom technischen Zeichner zum Kinderbuch-Lyriker
- Gerhard Rappus (1934–2009), Mosaik-Kolorist, Atze-Zeichner, Kinderbuch-Illustrator
- Die zwanzig DDR-Berufsbilder zwischen Aufbauromantik und stiller Subversion
- Druckgenehmigungsverfahren 1979 und die Spielräume der Kinderliteratur im Spätsozialismus
- Herolds dreischrittige Strophenbewegung: Vorstellung, Tätigkeit, Pointenkippe
- Konkrete Mix-and-Match-Beispiele: der Polizist als polyglotter Friseur, die Frisöse als Bauarbeiterin
Formale Angaben
- Umfang: ca. 1.620 Wörter / 6 Seiten (A4)
- Format: PDF, druckfähig gesetzt mit Buchabbildung
- Sprache: Deutsch
- Reihe: Feuilleton · ddrbuch.de
- Behandeltes Werk: Gottfried Herold, „Landung auf dem Fußballplatz oder Was willst du werden? — 8000 Gedichte zum Selbermachen“ (Verlag Junge Welt, Berlin 1979)
Für wen?
Für alle, die DDR-Kinderbücher nicht als Nostalgie-Souvenir lesen, sondern als gestalterische Zeitzeugen — für Sammler des Klappbuch-Formats, für Eltern und Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln den Buchschatz zeitgemäß weitererzählen möchten, und für Leser, denen die zarte Subversion in der Kinderlyrik des Spätsozialismus mehr sagt als die laute der Erwachsenenliteratur.