Metall-, Keramik- und Plastspritzen – Eberhard Kretzschmar – Fachbuchbesprechung
Auf Seite 287 stehen die Schmelzpunkte. Tantalkarbid 3.880 Grad Celsius, Hafniumkarbid 3.890. Daneben die Plasmatemperaturen: mit Stickstoff 7.500 Kelvin, mit Argon 18.300, mit Helium 30.500 — heißer als die Sonnenoberfläche. Ein paar Seiten weiter ein Foto der Innenfläche eines Raketentriebwerks, beschichtet mit Rokide-Z-Keramik. Werkfoto: Reaction Motors Division, Thiokol Chemical Corporation. Dass diese Bilder in einem DDR-Fachbuch von 1963 stehen, ist die erste Überraschung dieses Buches.
Eberhard Kretzschmars „Metall-, Keramik- und Plastspritzen“ (VEB Verlag Technik, Berlin 1963) ist die erste deutschsprachige Vollmonografie zu allen drei thermischen Spritzverfahren in einem Band — geschrieben am Zentralinstitut für Schweißtechnik in Halle (Saale), erschienen am Beginn der wirtschaftlichen Reformphase der DDR, im selben Jahr, in dem das Neue Ökonomische System der Planung und Leitung verkündet wurde. Das vorliegende Feuilleton folgt einem konkreten Exemplar dieses Buches: Auf der Innentitelseite trägt es den Stempel der Betriebsbücherei VEB Erste Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt — der ERMAFA, eines traditionsreichen sächsischen Großbetriebs, der Anlagen für die Plast-, Textil- und Papierindustrie fertigte und ab 1971 zum Plast- und Elastverarbeitungsmaschinenkombinat Karl-Marx-Stadt gehörte.
Was der Artikel leistet: Er liest das Buch nicht als Lehrbuch, sondern als Zeitdokument. Die Spannung zwischen technologischer Weltläufigkeit und industrieller Mangelwirtschaft trägt den Text. Auf der einen Seite zitiert Kretzschmar Norton in Worcester, Metco, die Société Nouvelle de Métallisation in Paris, Knapsack-Griesheim aus der BRD, das Max-Planck-Institut Würzburg, den Madrider Konferenzvortrag M. A. Levensteins vom Mai 1962. Auf der anderen Seite steht das mitteldeutsche Forschungsnetz: ZIS Halle, Heinrich-Beck-Institut Dresden, Manfred-von-Ardenne-Forschungsinstitut, Institut für Werkstoffe Pirna, Institut für Energetik Leipzig — eingebunden in eine Industriegeografie aus Buna-Schkopau, Leuna, Bitterfeld, Karl-Marx-Stadt und Jena.
Aus dem Inhalt: Eine internationale Achse durch ein abgeschottetes Land — Halle, Pirna, Dresden: das Forschungsnetz — Ein Stempel aus Karl-Marx-Stadt — Das Buch selbst, von innen — Werkstoffeinsparung als Programm — Was geblieben ist.
Der Text behandelt unter anderem: das Tybus-Schema als didaktischen Klassiker des thermischen Spritzens, die spröde Epoxydharz-Methode zur visuellen Spannungsanalyse vor der Computerzeit, die DDR-Direktive von 1952 zur Pflicht-Verwendung von Injektorpistolen, die Entwicklung des PVC-Weich-Spritzens in den Buna-Werken, die Anwendung an Spinnmaschinenfundamenten in Karl-Marx-Stadt, die wirtschaftliche Logik des Verfahrens als Antwort auf den Devisenmangel der DDR-Volkswirtschaft. Vier Originalzitate aus dem Buch sind als Pullquotes eingearbeitet.
Wer das Feuilleton lesen sollte: Sammler von DDR-Industriegeschichte und Fachbuchantiquariat, Oberflächentechniker und Maschinenbauer mit historischem Interesse, Sachsen- und Halle-Lokalhistoriker, Wissenschaftshistoriker, die sich mit deutsch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen im Kalten Krieg beschäftigen, sowie Leser, die DDR-Technikgeschichte jenseits des üblichen Trabant-und-Plattenbau-Klischees suchen.
Über das Originalbuch: Eberhard Kretzschmar, „Metall-, Keramik- und Plastspritzen“. Unter Mitarbeit von Hermann Schwarz, ZIS Halle. VEB Verlag Technik, Berlin 1963. Erste Auflage. 383 Seiten, 323 Abbildungen, 79 Tafeln. Hardcover, blauer Leineneinband. Schutzumschlag: Kurt Beckert. Reihe „Technisch-wissenschaftliche Abhandlungen des Zentralinstituts für Schweißtechnik der DDR“, Band 38.