Mit diesem Buch kann man die Agrarpolitik der DDR, die Planung von ihrer Denkweise her besser verstehen. Es wird sehr schnell deutlich, dass man ausgehend von der wissenschaftlich gedachten Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung versuchte planerisch und mathematisch-abstrakt die Problematik der Landtechnik in den Griff zu bekommen.
Die unmögliche Herausforderung besteht darin, Alltagsprozesse in einer mathematischen Formel abzubilden. Und dann gibt es noch den unberechenbaren Faktor Mensch in diesem Spiel. Die im Buch dargelegten Grundlagen spiegeln den Geist einer Gesellschaft, die von oben gesteuert gemeinsam versucht alle Probleme zu lösen, anstatt sich auf durch Eigeninteresse angetriebene Spezialisten und Unternehmer zu verlassen. Es wäre daher interessant, der Theorie des Buches einmal die tatsächlich gelebte Praxis in den LPGs und den Technikzentren gegenüberzustellen. Jeder wusste, dass es eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab, manchmal gewaltig. Eins ist klar: Die Traktoren und Mähdrescher mussten laufen, irgendwie, um die Produktion am laufen zu halten und die lebensnotwendige Ernte einzufahren.
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
FEUILLETON
Den Weltstand erzwingen
Zu „Grundlagen der Instandhaltung von Landmaschinen und Traktoren“ von Chr. Eichler und O. Rudolph, VEB Verlag Technik Berlin 1966
Im Februar 1964 versammelte sich der VIII. Deutsche Bauernkongress in Schwerin. Die Parole lautete: „Systematisch den Weltstand erzwingen!“ Walter Ulbricht rügte dort mit ungewöhnlicher Schärfe den Rückstand des DDR-Landmaschinenbaus im wissenschaftlich-technischen Niveau. Zwei Jahre später, mit Redaktionsschluss am 30. September 1964, erschien im VEB Verlag Technik Berlin ein Lehrbuch, das man als unmittelbare bildungspolitische Antwort lesen kann: die „Grundlagen der Instandhaltung von Landmaschinen und Traktoren“ von Chr. Eichler und O. Rudolph. Wenn die Maschinen nicht den Weltstand erreichen, so der unausgesprochene Gedanke, dann müssen wenigstens die Instandhalter ihn erzwingen.
Ein Buch als Antwort auf eine Rüge
Um die Logik dieses Buches zu verstehen, muss man die Schwerin–Rede mitdenken. Ulbricht hatte vor 2.000 Funktionären erklärt, der Landmaschinenbau habe der Forderung, geeignete Maschinensysteme zu liefern, weder konstruktiv und qualitativ noch mengenmäßig genügen können. Die Diagnose war richtig, die Therapie planwirtschaftlich. Wenn man neue Traktoren nicht in ausreichender Stückzahl bauen konnte, musste man die vorhandenen länger laufen lassen. Wenn man sie länger laufen lassen wollte, musste man sie besser warten. Und wenn man sie besser warten wollte, musste man die Wartung wissenschaftlich begründen, normieren und lehren.
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