Obwohl sich dieses Buch in erster Linie an Fachleute richtet, kann man als interessierter Laie bei entsprechender Aufbereitung einiges lernen. Es war ein Thema, dass mir bisher unbekannt war. Einfach zu verstehen sind die vier Phasen des Metallspritzens. Interessant ist die poröse Struktur, die einer Oberfläche Notlaufeigenschaften verleiht. Außergewöhnlich sind die hohen Temperaturen, die beim Plasma-Spritzen erreicht werden. Erhellend und stolz macht es zu erfahren, dass wir mit zwei Instituten in Meinungen und Halle, Bereiche in der DDR hatten, die in absoluter weltweiter Spitzentechnologie mithalten konnten. Erstaunlich!
Hafniumkarbid und Spinnmaschinen
Eberhard Kretzschmars „Metall-, Keramik- und Plastspritzen“ (VEB Verlag Technik, Berlin 1963) — ein DDR-Fachbuch zwischen X–15-Triebwerk und sächsischem Maschinenbau
Auf Seite 287 stehen die Schmelzpunkte. Tantalkarbid 3.880 Grad Celsius, Hafniumkarbid 3.890. Daneben die Plasmatemperaturen: mit Stickstoff 7.500 Kelvin, mit Argon 18.300, mit Helium 30.500 — heißer als die Sonnenoberfläche. Ein paar Seiten weiter ein Foto der Innenfläche eines Raketentriebwerks, beschichtet mit Rokide-Z-Keramik. Werkfoto: Reaction Motors Division, Thiokol Chemical Corporation. Dass diese Bilder in einem DDR-Fachbuch von 1963 stehen, ist die erste Überraschung dieses Buches. Sie ist nicht die letzte.
Eberhard Kretzschmars „Metall-, Keramik- und Plastspritzen“ erscheint im VEB Verlag Technik, Berlin, mit Redaktionsschluss 1. November 1962, ausgeliefert 1963. 383 Seiten, 323 nummerierte Bilder, 79 Tafeln, blauer Leineneinband, Schutzumschlag von Kurt Beckert. Es ist die erste deutschsprachige Vollmonografie zu allen drei thermischen Spritzverfahren in einem Band. Der Autor, Ingenieur am Zentralinstitut für Schweißtechnik der DDR in Halle (Saale), führt zugleich die Reihe „Technisch-wissenschaftliche Abhandlungen“ dieses Instituts an: Band 38. Den Teil über das Plastspritzen schreibt sein Kollege Hermann Schwarz, ebenfalls ZIS Halle. Was zwischen die beiden Buchdeckel passt, reicht von der ersten Schoop-Patentschrift von 1912 bis zu Vorträgen, die ein Jahr vor Drucklegung in Madrid gehalten wurden.
Eine internationale Achse durch ein abgeschottetes Land
Im Mai 1962 trifft sich in Madrid die III. Internationale Metallspritzkonferenz. Der Halleer Forscher M. A. Levenstein hält dort einen Vortrag mit dem Titel „Plasma Spraying in a controlled Environment“ — Kretzschmar zitiert ihn auf Seite 290 mit Quellenangabe samt Datum. Halle hatte schon 1956 die erste solche Konferenz ausgerichtet, mitten im Beginn der Blockkonfrontation. Sechs Jahre später, ein Jahr nach dem Mauerbau, reisen DDR-Wissenschaftler immer noch nach Madrid und präsentieren ihre Arbeiten auf englisch. Das Buch, in das diese Reisen einfließen, liest sich entsprechend.
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