Des berührendste und menschlichste Buch, welches ich bisher untersuchte. Allein die Fotografien sind eine Lektüre wert. Die Autoren haben kein trockenes Ratgeber-Buch oder eine Wissensschafts-Schrift geschaffen, sondern ein ganzheitliches Buch mit einem besonderen Flair, dass nachdenkliche historische Zitate, gut aufbereitete wissenschaftliche Fakten und ausdrucksstarke, ungewöhnlich-ehrliche Fotos miteinander vereint. Das dieses Buch in der DDR erscheinen durfte ist ein kleines Wunder. Wird doch unter anderem Kritik an einigen Fehlentwicklungen der Krippenbetreuung deutlich.
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
FEUILLETON
Drei Stimmen in einem Mangelregal
Zum Band „Entwicklungswunder Mensch“, Urania-Verlag Leipzig · Jena · Berlin 1980
Eine junge Frau stillt ihr Kind, im Bett sitzend, das Tuch über der Schulter. Dahinter, im selben engen Raum, steht ein Webstuhl vor dem Fenster. Kein Kommentar begleitet das Bild, keine Idealisierung, kein verklärendes Licht. Und doch sagt diese eine Aufnahme von Evelyn Richter mehr über die Lage der Frau zwischen Mutterschaft und Erwerbsarbeit als jeder Absatz des begleitenden Fachtextes. Genau dieser Widerspruch zwischen Bild und Wort macht „Entwicklungswunder Mensch“ zu einem der ungewöhnlichsten populärwissenschaftlichen Bücher, die der DDR-Buchmarkt hervorgebracht hat. Auf den ersten Blick ist der 1980 im Leipziger Urania-Verlag erschienene Band ein braves Aufklärungsbuch: ein Professor der Entwicklungspsychologie erklärt einem Laienpublikum, wie aus dem Neugeborenen ein sprechendes, gehendes, denkendes, soziales Wesen wird. Tabellen verzeichnen die Etappen der pränatalen Entwicklung und der Lokomotion, Diagramme zeigen Habituationskurven, der Apparat ist solide. Wer das Buch aufschlägt, merkt aber rasch: Hier wird mehr verhandelt als kindliche Reflexe. Drei Stimmen sprechen zugleich, und sie sind sich nicht immer einig —
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