Die Geschichte des Fernsehens ist faszinierend, obwohl die ursprüngliche Technik mittlerweile längst überholt ist. Fernsehen hängt auch mit der Biologie des Menschen zusammen, denn ohne die Trägheit des menschlichen Auges gäbe es kein Fernsehen. So brauchte es viele schlaue Köpfe, die manchmal aus Spielerei einen praktischen und unterhaltsamen Nutzen bauten. Auch Köpfe aus Deutschland und der DDR waren daran beteiligt. Manfred von Ardenne war es, der den großen Schritt von der mechanischen Nipkow-Scheibe zum Elektronenstrahl machte. Dieser blitzschnelle Elektronenstrahl, der in einer luftleeren Bildröhre arbeitet, war lange Zeit Stand der Technik.
Das aufkommende Fernsehen in den 50er und 60er Jahren markiert ein wichtiges Kapitel in der Technik-Geschichte der Menschheit. Es ist zugleich ein Spiegelbild der beginnenden Technik-Gläubigkeit und des Zukunftsoptimismus nach dem Krieg auch in der DDR. Das Freizeitverhalten der Menschen sollte sich dadurch für immer grundlegend verändern. Und da der Mensch ein Informationswesen ist, glaubt und weiß, was um ihn herum passiert und vor allem wie das zu deuten ist, hatte Fernsehen von Anfang ein eine hohe politische Dimension. Gerade im geteilten Deutschland sollte es zum geistigen Schaufenster zweier unterschiedlicher Systeme werden. Die elektromagnetische Fernsehwellen machen, anders als Bücher und Zeitschriften, an keiner Grenze halt.
Bitte, bleiben Sie vor dem Bildschirm
Walter Conrads „Fernsehen“ (Passat-Bücherei, 1960) — ein Buch, das die Gegenwart von 2026 in der Sprache des sozialistischen Aufbaus beschreibt
Ein winziger, von Menschenhirn und Menschenhand geschaffener Stern fliegt durch den Raum. Sechs Antennenstäbe ragen wie Spinnenbeine aus seiner metallischen Hülle. So beginnt nicht etwa ein Roman von Stanisław Lem, sondern das erste Kapitel eines populärwissenschaftlichen Heftchens aus dem Urania-Verlag Leipzig/Jena, Erscheinungsjahr 1960. Walter Conrads „Fernsehen“ öffnet mit Lunik 3, der sowjetischen Mondsonde, deren Bilder von der Mondrückseite die Welt im Oktober 1959 elektrisierten – und führt von dort, in einer einzigen geschmeidigen Bewegung, hinüber zu einer Zeitungsseite unter der Lupe und der Frage, was eigentlich ein Bildelement sei.
Es ist eine Eröffnung, der man stilistische Schule anmerkt. Conrad weiß, dass er seine Leser holt, wo sie stehen: am Bildschirm jener Oktobertage, als Fernsehsprecher in vielen Sprachen darum baten, sitzen zu bleiben – gleich werde man die ersten Bilder der Mondrückseite zeigen. Dann zieht er sie hinein in eine Welt, von der die meisten 1960 nur Umrisse kannten: in die Frage, wie eigentlich ein Bild durch ein Kabel oder durch den Äther kommt. Wer das schmale Bändchen aus der Passat-Bücherei heute, fünfundsechzig Jahre später, aufschlägt, in der Erwartung, eine putzige Beschreibung von Nipkow-Scheiben und Schwarz-Weiß-Sendern zu finden, stößt auf etwas anderes: auf ein Buch, das die Gegenwart von 2026 unwissentlich exakt umreißt.
Der gesamte Feuilleton-Artikel ist jetzt als PDF-Download erhältlich.
Behandelte Themen
- Die Lunik-3-Sonde und der Oktober 1959 als Eröffnungsszene des Buches
- Walter Conrads Didaktik vom Bildelement zur elektronischen Bildröhre
- Die historische Tiefenschicht: Nipkow, Hallwachs, Stoletow, Braun, Baird, Zworykin, Manfred von Ardenne
- Hans Frühaufs Geleitwort und die kulturpolitische Stunde 1960 (polytechnischer Unterricht, „Zeitalter der Elektronik“)
- Die Vorwegnahmen der Gegenwart: Videotelefonie, Banküberwachung, Industrieinspektion, digitales Fernlesen
- Die Intervision-Vereinbarung und transatlantische Bilderprojekte zwei Jahre vor Telstar 1
- Conrads Schlusssatz und seine Aktualität im Zeitalter allgegenwärtiger Bildtechnik
Formale Angaben
- Umfang: ca. 1.716 Wörter / 5 Seiten (A4)
- Format: PDF, druckfähig gesetzt (mit Buchabbildung)

