Nun weiß ich endlich, was hinter den berühmten und in der DDR relativ häufig verbreiteten Roman „Flaggen auf den Türmen“ steckt. Es ist kein Erziehungsratgeber sondern eine aufeinander aufbauende Geschichte von Episoden. Sowjetische Straßenkinder, Teenies, die sich irgendwie durchschlagen. Die Kolonie nimmt sie auf und gibt ihnen Halt. Der Erzählstil ist knapp und beobachtend. Einen erhobenen moralischen Zeigefinger gibt es so kaum, sondern diese Botschaft steckt in der Handlung und Entwicklung der Charaktere selbst. Nun heißt es noch herauszufinden: Warum waren diese Werke so zentral für Pädagogen in der DDR? Und was haben sie beim Leser bewirkt, ausgelöst?


Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:

FEUILLETON

Man sieht‘s auf den ersten Blick

Über den ersten Teil von Anton Makarenkos „Flaggen auf den Türmen“ — Aufbau-Verlag Berlin, 1953

Ein sechzehnjähriger Junge betritt ein Provinzpostamt, legt einen fremden Ausweis vor und gibt sich als ein gewisser Tschernjawin aus. Er verlangt eine postlagernde Geldanweisung. Die Schalterbeamtin wird misstrauisch, holt den Vorsteher, der das Papier mit zitternder Hand prüft und Fragen stellt. Der Junge stellt Gegenfragen, fordert das Beschwerdebuch, bringt die wartende Schlange auf seine Seite — und geht mit dem Geld hinaus, das ihm nicht gehört. Draußen steckt er einen Teil davon in eine Tasche, die er direkt auf der Haut trägt, für den Notfall.

Wer hier einen der berühmtesten Erziehungsromane der sowjetischen Literatur erwartet hat, liegt nicht falsch. Nur den Anfang hat er sich anders vorgestellt. So beginnt Anton Semjonowitsch Makarenkos „Flaggen auf den Türmen“: mit einem Betrug, der sitzt.

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