Auf Seite 34 eines Leipziger Hefts von 1987 steht ein Satz, den man in einer Lennon-Würdigung dieser Art nicht unbedingt erwartet. „Imagine“ sei „praktisch das Kommunistische Manifest“, sagt Lennon dort, und hängt gleich an, er sei selbst „kein ausgesprochener Kommunist“ und gehöre auch sonst keiner politischen Vereinigung an.
Das Heft heißt „Alles was du brauchst ist Liebe. John Lennon zwischen 1967 und 1980“, hat 80 Seiten, kostete 3,20 Mark und erschien als „profil extra“ bei der Zentralhaus-Publikation Leipzig. Das Zentralhaus für Kulturarbeit lenkte die Volkskunstbewegung und war dem Kulturministerium unterstellt. Die Reihe „profil“ richtete sich an Tanzmusiker. Redaktionsschluss war der 1. September 1986.
Redaktionsschluss war der 1. September 1986. Der Autor, Andreas Peglau, Jahrgang 1957, war nach der Notiz im Heft sechs Jahre Diskomoderator. Er hatte als Programmgestalter und stellvertretender Leiter des zentralen Studentenklubs der Humboldt-Universität gearbeitet und war seit 1985 Redakteur beim Jugendradio DT 64. Später wurde er Psychoanalytiker.
Ein Held mit Vorgeschichte
Wer 1987 ein Lennon-Heft aus staatlicher Hand las, las es vor einem Hintergrund, der schnell vergessen wird. Die Beatles waren in der DDR zunächst geduldet, dann beendete Walter Ulbricht 1965 die „Monotonie des Jejeje oder wie das alles heißt“. Erst unter Honecker liefen ihre Titel ab den frühen Siebzigern wieder. Nach Lennons Tod am 8. Dezember 1980 drehte sich die Lesart. Er wurde zum Friedenskämpfer, zum „Helden der Arbeiterklasse“. Laut einem Aufsatz der Bundeszentrale für politische Bildung stellte das „Neue Deutschland“ seinen Tod drei Tage später als einen von jährlich 21.000 Mordfällen in den USA dar: ein Befund über die Gesellschaft, nicht über den Musiker.
Ganz glatt ging die Umdeutung nicht. Dieselbe Quelle nennt die Hansi Biebl Band, die in ihrem Lied „Mit einem Mal“ die plötzliche Heldenverehrung kritisierte. Es lief im April 1981 in einer Rundfunksendung und landete danach auf dem Index.
Wie man einen Zeugen aufbaut
Das Heft von 1987 steht in dieser Linie, und es baut seinen Zeugen sorgfältig auf. Es ist eine Montage aus Liedtexten in eigener Übertragung, Interviewauszügen, Zeitleisten und Tabellen. Die Stationen heißen „Working Class Hero“, „Power To The People“, „Imagine“, „Attica State“. Dazwischen laufen politische Zeitleisten, die Lennons Jahre mit dem Weltgeschehen verschränken.
Am deutlichsten wird die Methode auf der Doppelseite 26/27. Dort stehen nebeneinander: Stimmen über die Beatles, ein Beleg aus dem Ku-Klux-Klan-Umfeld, ein amerikanischer Baptistenreferent, der mit dem Satz zitiert wird, die Kommunisten könnten „die Beatles ins Fernsehen bringen und die Jugend hypnotisieren“, und ein Ausschnitt aus dem Referat von Kurt Hager auf der 6. Tagung des ZK der SED vom 6. Juli 1972. Hager war der Chefideologe der Partei. Ein Kommentar fehlt. Die Seite braucht keinen, denn die Anordnung erledigt die Deutung. Wer solche Gegenüber einmal als Satzbau erkannt hat, liest Zeitungen anders.
Die Stellen, die sich sperren
Nun zu dem, was dem Aufbau im Weg steht. Auf Seite 35 beschreibt Lennon, wie „Imagine“ dieselbe Botschaft transportiere wie eine frühere Platte, die „zu realistisch“ war und deshalb niemand kaufte, nur „richtig hübsch in Zuckerwatte verpackt“. Daraus ziehe er den Schluss: „Man muß seine politische Botschaft mit einem Löffel Honig verabreichen.“ Für ein Heft, das Lennon als Kämpfer vorstellt, ist das ein heikler Satz, denn er beschreibt politische Wirkung als Verpackungsfrage.
Später, bei „Mind Games“, deutet das Heft die Rückkehr zur „unverbindlicheren Botschaft“ nicht als Abfall, sondern gibt Lennon das Wort. „Ich bin immer noch an erster Stelle Musiker und nicht Politiker“, zitiert es ihn. Für eine Anklageschrift gegen die kapitalistische Kulturindustrie wäre ein Zeuge, der so redet, unpraktisch. Für ein Heft, das Tanzmusiker lesen sollten, passt der Satz erstaunlich gut.
Dazu kommt der Anmerkungsapparat. Er stützt sich überwiegend auf westdeutsche Taschenbücher und auf den „Playboy“, aus dem Lennon-Interviews stammen. Die DDR-Rahmung steht im Fließtext, das Material dahinter kam von drüben und ist offen ausgewiesen. Beides stand im selben Heft, und beides war gleichzeitig wahr.
„Meine Meinung“
Am Ende des Hauptteils macht der Autor etwas, das in solchen Heften nicht üblich war. Er räumt ein, „All You Need Is Love“ sei „allein kein ausreichend tragfähiges Konzept, weder für die gesellschaftliche noch für die individuelle Entwicklung“. Die Formel sei zudem leicht missbrauchbar, um Menschen auf private Bedürfnisbefriedigung zu beschränken und „vom Friedenskampf abzulenken“.
Dann stellt er die Frage, ob Lennon auf der Seite derer stehe, die für den Frieden eintreten, und beantwortet sie so: „Daher halte ich es für gerechtfertigt, (…) zu antworten: JA!“ Es ist ein Ich-Satz. Der Autor gibt die Antwort als sein Urteil aus und nicht als Erkenntnis der Geschichte. Wer genau las, konnte hier die Naht sehen: Das Heft deutete Lennon in eine Richtung, ließ aber die Zitate stehen, die dieser Deutung widersprachen, und sagte am Ende, wer sie ihm abnahm.
Auf Seite 60 steht der Titel noch einmal, als Typoseite, mit zwei Satzzeichen dahinter: „Alles was du brauchst ist Liebe?!“ Welches der beiden die Leser damals zuerst sahen, verrät das Heft nicht.
Bild zur Veranschaulichung des Textes wurde mit technologischen Mitteln künstlich erstellt. (KI-generiert)
