In der Mittagspause der Lehrwerkstatt geht es hoch her. Fred wirft Inge vor, sie bummele, weil sie wegen jeder Kleinigkeit fehle. Inge bestreitet das, Klaus vermittelt, und Lutz hat einen Einfall: Freds Anhänger nennt er spöttisch Fredianer. Hanno zahlt mit gleicher Münze zurück und tauft die Gegenseite auf den Namen Ingenesen. Damit stehen die Parteien, und das Buch kann beginnen.
„Fredianer und Ingenesen bleiben gesund“ von Willy Steiger erschien 1954 im Kinderbuchverlag Berlin, in der zweiten Auflage, 16. bis 25. Tausend. Es ist ein Gesundheitslehrbuch in Erzählform, und der Streit der beiden Lager ist der Anlass, nicht das Thema.
Worum es geht
Die Figuren sind Lehrlinge eines volkseigenen Betriebs, der im Buch „Tewa“ heißt. Was das Kürzel bedeutet, erklärt weder der Text noch der Klappentext. Ein Personenverzeichnis auf S. 4 stellt sie wie in einem Theaterstück vor und sortiert sie gleich in Ingenesen, Fredianer und Schiedsrichter. Die Ingenesen halten Krankheit für Schicksal, die Fredianer für vermeidbar. Als die Gruppe nicht weiterkommt, wählt sie den Betriebsarzt Dr. Frieder zum Schiedsrichter. Der will nicht entscheiden, sondern an Gruppenabenden erklären, wie der Körper gebaut ist.
So wandert das Buch durch Knochen, Muskeln, Zähne, Blut, Herz, Atmung und Verdauung, später auch durch Tuberkulose, Impfung und Medizingeschichte. Dazwischen stehen kleine Szenen: Klaus bricht sich beim Rodeln ein Bein, weil er bremst, um ein Kind zu schonen, Hanno stürzt von einer selbstgebauten Schanze und zieht sich einen Schlüsselbeinbruch zu. Die Freunde schienen, verbinden und lernen dabei.
Empfohlen ist das Buch laut Impressum „für Leser von etwa 12 Jahren an“. Die Hauptfiguren sind allerdings Lehrlinge, die Sprache ist die der Werkstatt, und manche Passagen setzen Leser voraus, die sich schon für Betrieb und Gesellschaft interessieren.
Wie erzählt wird
Der Doktor belehrt, die Jugendlichen liefern die Stichworte. Die Figuren bleiben Typen: Fred ist der Jungaktivist mit der richtigen Haltung, Inge die, die überzeugt werden muss, Stups der dicke Gutmütige, der später im Dunkeln heimlich das Laufen übt. Spannung entsteht weniger aus der Handlung als aus dem Versuch. Dr. Frieder glüht einen Tierknochen aus und legt einen zweiten in Salzsäure. Der erste wird spröde, der zweite lässt sich biegen wie ein Gummischlauch. Aus dem Kalk und dem Knochenleim folgt dann die Erklärung, warum Kinder hinpurzeln dürfen und alte Leute nicht: „Darum trippeln Greise vorsichtig dahin.“ (S. 12) Das ist eine der wenigen Stellen, die absichtlich komisch klingen und es heute vor allem aus Versehen sind.

Gut gemacht ist die Übersetzung von Zahlen in Bilder. Zwölf Kinder auf einem Knochen, der Oberschenkelknochen als Kran, Blutkörperchen, die aneinandergelegt fünfmal um die Erde reichen würden: Solche Vergleiche merkt man sich. Wo es um Technik geht, spricht das Buch seine Leser als Handwerker an. „Es gilt in der Technik immer, größte Festigkeit bei geringstem Stoffaufwand zu erzielen. Unser Körper ist nach demselben Grundsatz aufgebaut.“ (S. 20) Wer gerade ein Scharnier gefeilt hat, versteht Kugelgelenke schneller.

Dazu kommen Merkreime, Beobachtungsaufträge („Ihr lacht?“, S. 17) und die Aufforderung, vor dem Spiegel einmal nach Herzenslust Fratzen zu schneiden, um die Gesichtsmuskeln zu spüren. Der Ton ist der eines Lehrers, der es gut meint und genau weiß, wohin das Gespräch führen soll.
Zeitkontext und Rahmung
Die Politik steht im Buch nicht am Rand, sie ist Teil der Beweisführung. Schon die erste längere Erklärung zur Rachitis, der „englischen Krankheit“, führt über die Kinderarbeit in englischen Bergwerken. Ein Auszug aus Friedrich Engels‘ Schrift von 1845 und Holzstich-artige Bilder („So beuteten englische Kapitalisten die Kinder im Bergwerk aus“) belegen es. Dann folgt der Gegenwartsbezug: In der DDR bekommen alle Säuglinge Vitamin D kostenlos. Fred zieht den Schluss, und das Buch lässt ihn nicht lange warten: „Der politische Kampf entscheidet also sogar über unsere Gesundheit!“ (S. 13)

Dass Mangel an Licht und Vitaminen mit Ausbeutung zusammenhängen kann, ist nicht falsch. Das Buch setzt die Verbindung aber als Gewissheit und belegt sie nicht weiter. Ähnlich arbeitet der Abschnitt über die gebundenen Füße feudaler Chinesinnen, der in der Frage endet: „Sind Stöckelschuhe nicht ebenso töricht wie die Krüppelfüße feudaler Chinesen?“ (S. 17) Das ist zugespitzt und moralisierend, und doch regt es an, über Moden nachzudenken.
Im weiteren Verlauf wird die Rahmung dichter. Der Körper ist ein Ganzes, der Betrieb auch, und beide folgen demselben Gesetz, „das in der Natur ebenso gilt wie in der Gesellschaft“. Arbeit gilt als beste Medizin, der Sport soll Arbeitsfreude und Arbeitsleistung heben, Stalin, Pieck und Mitschurin treten als Autoritäten auf. Gesundheit ist hier selten Privatsache. Besonders deutlich wird das in der Szene an der Kreissäge: Lutz sagt trotzig „Das ist doch mein Daumen!“, und Fred hält dagegen: „Natürlich ist es dein Daumen. Wenn du in die Maschine kommst, hast du die Schmerzen!“ (S. 121) Dann aber geht es weiter zu Mutter, Arzt und Kollegen, die der Unfall alle belastet. Das Argument gegen „Es ist ja mein Leben“ ist alt und kommt bis heute in Debatten vor.
Die Fortschrittserzählung wird auch gegen die Vergangenheit gerichtet. „Viele Menschen schwärmen so gern von der ‚guten alten Zeit‘. Lernen wir diese etwas näher kennen, erweist sich, daß die alte Zeit gar nicht gut gewesen ist.“ (S. 116) Wer die Medizingeschichte der Kapitel davor liest, Skorbut auf dem Segelschiff, Schwarzer Tod, Pocken, Jenner, Semmelweis, Koch, merkt, dass das Buch hier tatsächlich erzählen kann, mit Respekt vor dem Forscherwillen. Die Kehrseite: Der Arzt ist unfehlbar, und das Fazit steht fest, bevor die Gruppe es erarbeitet hat.
Autor, Zeichner, Verlag
Zu Willy Steiger gibt es eine plausible Spur, aber keinen Beleg. Ein gleichnamiger sächsischer Volksschullehrer und Reformpädagoge (1894 bis 1976) schloss 1914 das Lehrerseminar in Leipzig-Connewitz ab und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg an der staatlichen Versuchsschule in Dresden-Hellerau. 1925 erschien sein reformpädagogisches Hauptwerk „S‘ blaue Nest“. In der NS-Zeit wurde er zwangsversetzt, nach 1945 unterrichtete er wieder in Hellerau und schrieb Gesundheits- und Erziehungsratgeber. In der „Tauwetterperiode“ von 1956 trat er öffentlich für eine unvoreingenommene Rezeption der Reformpädagogik in der DDR ein. Das passt zu einem Gesundheitsbuch für Jugendliche von 1954. Dass er dieses Buch geschrieben hat, ist aber nicht nachgewiesen: Die Verlagsankündigung der Biografie, die Andreas Pehnke 2019 im Sax-Verlag herausgab (712 Seiten, mit Werkbibliographie), nennt den Titel nicht. Dort dürfte sich die Frage klären lassen.
Redaktion und Korrektur lagen bei Karl-Heinz Golka und Heinz Hoffmann. Den farbigen Schutzumschlag, den Einband und die Textillustrationen zeichnete Erich Gürtzig (1913 bis 1993), der ab 1949 freiberuflich Kinderbücher illustrierte. Für die wissenschaftlichen Zeichnungen ist im Impressum Rudolf Feuchter genannt; mehr ist über ihn nicht zu erfahren. Welche Abbildung von wem stammt, sagt das Buch nicht.
Der Kinderbuchverlag Berlin wurde 1949 gegründet und war der Zentralverlag für Kinderliteratur der DDR. Dass das Buch in zwei Auflagen mindestens 25.000 Exemplare erreichte, belegt das Impressum. Wie es aufgenommen wurde und ob es in Schulen stand, ist nicht überliefert.
Was das Buch heute taugt
Als Anleitung taugt es nicht. Das Wissen von 1954 war an manchen Stellen ein anderes: Wunden sollen nicht ausgewaschen werden, gegen Nasenbluten helfen kalte Fußbäder, kranke Zähne gelten als Ursache von Rheuma, und beim Husten hält man die linke Hand vor den Mund. Der Salzsäureversuch mit dem Tierzahn kommt ohne Schutzhinweis aus.
Als Zeitdokument ist es dafür ergiebig. Es zeigt, wie ein Staat in den frühen Fünfzigern einen Gesundheitsbegriff erzieht, in dem Körper, Arbeitskraft und Planerfüllung zusammengehören, und es zeigt zugleich, wie gründlich und sinnlich dieselben Seiten Wissen vermitteln können. Wer sich für Gürtzigs Strichzeichnungen, für frühe Jugendsachbücher des Kinderbuchverlags oder für Gesundheitserziehung und Propaganda im Kinderbuch interessiert, findet hier viel. Die Frage, ob Fredianer oder Ingenesen am Ende recht behalten, sei hier nicht verraten, das Buch lässt allerdings wenig Zweifel, wohin es seine Leser haben will.
Am Ende gehört der Daumen an der Kreissäge eben nicht nur dem, der ihn hat.
Grundlage dieser Besprechung sind 90 fotografierte Seiten, verteilt auf die Seiten 4 bis 139 eines Exemplars von 1954 (140 Seiten insgesamt).
Bild zur Veranschaulichung des Textes wurde mit technologischen Mitteln künstlich erstellt. (KI-generiert)
