Ein Wandbild, ein Brunnen, drei Frauen aus Stein

Drei Fotos, eine Bildunterschrift, ein einziger Satz Text: „Neue Kunstwerke schmücken Wohngebiete in Marzahn.“ Mehr Aufwand hat das Neue Deutschland an jenem Tag nicht betrieben. Und doch steckt in dieser beiläufigen Meldung ein ganzes System – drei sehr unterschiedliche Werke, die zufällig am selben Tag ins Bild kamen, aber alles andere als zufällig entstanden.

Ein Roboterkopf für die Schule

An der 56. Oberschule am Parsteiner Ring hing ein großformatiges Wandbild mit dem Titel „Erfindungen, die das Leben bereichern“, geschaffen von Dieter Gantz, einem der bekannteren Berliner Wandmaler seiner Generation – 1985 mit dem Kunstpreis der DDR ausgezeichnet, seit 1980 Hochschullehrer in Weißensee. Die Komposition zeigt, collagenhaft übereinandergeschichtet, einen stilisierten Roboterkopf, mehrere Gesichter im Profil, ein Schiff, ein Gebäude – Technikbegeisterung und Erfindergeist, an eine Schulwand gemalt wie ein Lehrplan in Bildform. Ob das Werk unter genau diesem Titel noch existiert, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen: In der offiziellen Bezirksinventarisierung taucht der Titel am Parsteiner Ring auf, in einer Kurzbiografie zu Gantz erscheint für 1986 stattdessen ein Werk namens „Das Rad“ an einer Marzahner Oberschule. Möglicherweise sind das zwei verschiedene Arbeiten am selben Standort, möglicherweise ein und dasselbe Bild unter zwei Namen. Selbst ein Künstler mit Werkverzeichnis entgeht der Unschärfe nicht, die dieses Thema offenbar generell mit sich bringt.

Drei Keramiksäulen vor der Gaststätte

Vor der Klubgaststätte „Stadtwappen“ an der Mehrower Allee stand ein Brunnen von Rolf Levonjak: drei bis zu 2,50 Meter hohe, gegliederte Keramiksäulen, oben verbunden durch mehrere waagerechte Metallschalen, aus denen das Wasser lief. Kein Solitär für die Betrachtung aus der Ferne, sondern ein Objekt mitten im Alltagsweg – direkt vor dem gesellschaftlichen Zentrum des Wohngebiets platziert, dort, wo Menschen ohnehin stehen blieben, auf dem Weg zur Gaststätte oder einfach zum Verweilen. Das zeitgenössische Foto zeigt genau das: Passanten, Kinder, jemand, der kurz innehält. Der Brunnen existiert heute nicht mehr. Nach Vandalismusschäden und einer Umgestaltung der Fläche wurde er 1994 abgerissen – nicht aus politischer Distanzierung, sondern aus denselben banalen Gründen, aus denen öffentliche Objekte überall verschwinden: Beschädigung, Umbau, kein Interesse mehr an der Reparatur.

Drei Frauen, die auf die Chaussee blicken

Das dritte Werk, Manfred Hübners „Drei sitzende Frauen“, ist eine 2,2 Meter hohe Sandsteinplastik – drei ruhig nebeneinandersitzende, vereinfacht modellierte Figuren mit glatten Flächen und angedeutetem langem Haar, alle in dieselbe Richtung blickend. Keine heroische Pose, kein politisches Symbol, sondern eine stille, beobachtende Präsenz an der Marzahner Chaussee. Von den dreien ist sie die einzige, die noch an ihrem ursprünglichen Standort steht. Ganz unversehrt ist sie dabei nicht: Die einzige fachliche Dokumentation, die das Werk verzeichnet, beschreibt ihren heutigen Zustand knapp mit einem Wort – „beschmiert“. Erhalten heißt hier also nicht makellos, sondern schlicht: noch da.

Zwei Prozent, dann weniger

Dass an einem einzigen Tag gleich drei solcher Werke in der Zeitung auftauchen konnten, war kein Zufall, sondern das sichtbare Ende eines langen Verwaltungswegs. Kunst im Wohngebiet lief in der DDR nicht über den freien Markt, sondern über ein gestuftes System: Die städtebauliche Planung legte Standort und Funktion fest, ein „Büro für architekturbezogene Kunst“ entwickelte oder prüfte die Gestaltungskonzeption, und ein „Beirat für Stadtgestaltung“ formulierte dazu fachliche Anforderungen – belegt ist etwa, dass ein solcher Beirat für ein Lichtobjekt an einem Jugendclub ausdrücklich ein bestimmtes Werk „forderte“. Vermittelt und fachlich betreut wurden die Künstler über den Verband Bildender Künstler der DDR, der auch die Werkfotografie besorgte, aus der wir heute noch wissen, wie Levonjaks Brunnen aussah.

Offiziell hieß das Ganze „Synthese von Architektur und bildender Kunst“ – ein großes Wort für ein Budget, das in den entscheidenden Jahren gerade zusammenschrumpfte. Bis 1971 waren für gesellschaftliche Bauvorhaben bis zu zwei Prozent der Investitionssumme für Kunst vorgesehen, dann wurde der Anteil auf 0,5 Prozent gekürzt. Ab Mitte 1982 kam für den Wohnungsbau eine zusätzliche Deckelung dazu: höchstens 45 Mark pro Wohnungseinheit. Zum Vergleich: Für Marzahn wirkten laut Rahmenkonzeption von 1975 bis 1989 rund hundert Künstlerinnen und Künstler mit – bei einem Budget, das pro Wohnung gerade einmal für eine gute Flasche Wein reichte. Das ist die eigentliche Pointe hinter der beiläufigen Zeitungsmeldung: Man sprach groß von Synthese, während man kleinlich rechnete.

Wie viele Werke insgesamt entstanden, lässt sich bis heute nicht sauber beziffern – je nach Quelle sind es 462, „fast 300″ oder 129, je nachdem, was genau gezählt wurde und wann. Das Zeitungsfoto von 1986 hat wenigstens drei davon für uns festgehalten. Eines ist verschwunden, eines steht beschmiert, und eines trägt vielleicht sogar zwei Namen.

Bild zur Veranschaulichung des Textes wurde mit technologischen Mitteln künstlich erstellt. (KI-generiert)

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