Der Mann hinterm Tresen wusste mehr als du

DDR-Drogerie

Wie ein Friseurmeister aus Prenzlauer Berg zum Drogisten wurde – und warum das in der DDR mehr Sinn ergab, als es klingt

Anfang der Siebziger legt Günther Zwiersch die Drogistenprüfung ab. Vorher war er Friseurmeister, hatte selbst Lehrlinge ausgebildet. Zehn Jahre vor seinem 100-jährigen Firmenjubiläum übernimmt er die Drogerie in der Schönhauser Allee 157 – und tauscht Schere und Kamm gegen Waage, Rezeptbuch und Chemikalienregal. Ein Berufswechsel, der heute seltsam anmutet. Damals war er, genau betrachtet, fast folgerichtig.

Zwei Berufe, ein gemeinsamer Nenner

Was einen Friseur zum Drogisten befähigte, war nicht Zufall. Beide Berufe lebten von derselben Grundfertigkeit: Man musste wissen, was mit Haut und Haar geschieht, wenn man etwas draufgibt. Der Artikel der „Neuen Zeit“ notiert es beiläufig – das Friseurhandwerk komme Zwiersch „auch heute noch zugute, wenn es um die Beratung bei Kosmetika geht“. Das ist keine Randnotiz, sondern der Kern der Sache: Kosmetikberatung war 1986 keine Verkaufsfloskel, sondern angewandtes Fachwissen, für das es einen eigenen Sachkundenachweis brauchte – eine Prüfung, die belegte, dass jemand mit den freiverkäuflichen, also nicht apothekenpflichtigen Heilmitteln und Chemikalien im Sortiment sachgerecht umgehen konnte.

Wissen, wo die Packung schweigt

Eine DDR-Drogerie führte neben Kosmetik auch unverpackte Chemikalien, Farben und Reinigungsmittel, dazu Fotofilme samt Entwicklungsservice und eben jene freiverkäuflichen Heilmittel. Bei all dem gab es kaum das, was heute auf jeder Verpackung steht – Dosierungsempfehlung, Warnhinweis, Anwendungsgebiet in fünf Sprachen. Diese Informationen mussten in einem Kopf stecken, nicht auf einem Etikett. Der Drogist war die Gebrauchsanweisung mit Gesicht, ein Wort, das man ihm damals so natürlich nicht verpasst hätte.

Das erklärt auch, warum der Artikel so beiläufig von der Kooperation mit dem Fotoatelier Haase erzählt – montags abgegebene Filme freitags fertig, donnerstags abgegebene am folgenden Dienstag. Kein Nebengeschäft, sondern ein zweites Standbein, das dieselbe Logik trug: Man ging zum Fachgeschäft, weil dort jemand saß, der die Materie beherrschte, nicht weil man selbst wählen konnte zwischen zwanzig Anbietern.

Was diese Abhängigkeit kostete – und was sie brachte

Beides stimmte gleichzeitig. Wer sich auf das Wissen einer einzelnen Person verließ, machte sich verletzlich – fiel der Drogist aus, fiel ein Stück Versorgungssicherheit mit aus. Zugleich bekam man etwas, das inzwischen fast verschwunden ist: ein Gespräch statt eines Regals. Jemand, der einen kannte, der die Hautverträglichkeit einer Creme aus dem Kopf wusste, der sagen konnte, welches Mittel gegen welchen Fleck half, ohne erst das Kleingedruckte zu studieren. Nennt man das ineffizient oder persönlich? Vermutlich beides, ohne dass die Mangelwirtschaft dahinter dadurch schöner würde.

Dass ausgerechnet ein gelernter Coiffeur später Chemikalien abwog, hat seinen eigenen Charme. Wer beruflich mit Dauerwellflüssigkeit hantiert hatte, fürchtete sich vermutlich vor kaum einem Regal im Drogeriesortiment.

Die Frage, die er sich selbst stellt

Am Ende des Artikels weiß der 58-jährige Zwiersch noch nicht, ob er mit 65 aufhören wird. „Mich kennen hier die Leute, ich kenne sie, sollte ich auf einen Schlag mich in den Lehnstuhl setzen?“, fragt er. Das ist keine rhetorische Floskel für ein Jubiläumsporträt. Es ist die stille Erkenntnis, dass mit ihm auch etwas geht, das sich nicht einfach nachbesetzen lässt: ein Wissen, das über Jahre gewachsen ist und in keiner Packungsbeilage steht. Die Kunden der Schönhauser Allee 157 wussten das vermutlich, ohne es je so genannt zu haben.


Quelle: „Bartbinden zieren das Schaufenster“, Neue Zeit, 16. September 1986, Seite 8/B

Bild zur Veranschaulichung des Textes wurde mit technologischen Mitteln künstlich erstellt. (KI-generiert)

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