Das ist kein einfaches, niedliches Kinderbuch. Es steckt mehr drin, wenn man genauer hinschaut. Der Kater Schnurr erlebt Geschichten und schildert sie aus seiner Katzenperspektive im Tagebuchcharakter. Schon in der zweiten Geschichte wird der kindliche Leser schon mit den Herausforderungen des Lebens konfrontiert, dass nicht immer nur Sonnenschein bereithält. Es gibt viel zu lernen, und der Kater entwickelt sich weiter. Am Anfang hat der Mentoren und Lehrer, im Verlauf des Buches wird er reicher an Erfahrungen und am Ende selbst zum Lehrer. Konflikte mit seiner Umwelt und auch mit seinem Herrchen bleiben nicht aus.
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
FEUILLETON
Der Kater, der Mensch und das zweite Augenpaar
Zum Band „Kater Schnurr mit den blauen Augen“ von Josef Kolář, illustriert von Helena Zmatlíková, deutsch nacherzählt von Otfried Preußler. Albatros, Prag 1989
Es ist ein Augenblick, der leicht zu übersehen wäre. Im fünfzehnten Kapitel sitzt der Mensch über seiner Schreibarbeit, reibt sich die müden Augen und legt die Brille auf den Tisch. Der kleine Kater Schnurr, der dieses fremde Gerät seit jeher misstrauisch beäugt – er nennt es „ein zweites Augenpaar, das sich niemals schließt“ –, macht einen Satz und schlägt es vom Tisch. Die Brille fällt klirrend zu Boden. Was folgt, ist das erste richtige Donnerwetter seines Katzenlebens und der traurigste, schönste Abend des ganzen Buches.
Wer an dieser Stelle angekommen ist, weiß: Dieses Kinderbuch aus dem Prager Verlag Albatros, erschienen 1989, hat eine doppelte Tiefe. Vordergründig sind es die Tagebuchnotizen eines jungen Siamkaters, der seine Welt mit erstauntem Wohlwollen kartographiert. Dahinter steht etwas anderes: ein kleiner Bildungsroman in gut zwanzig Kapiteln, getragen von drei künstlerischen Stimmen – dem tschechischen Autor Josef Kolář, der Illustratorin Helena Zmatlíková und Otfried Preußler als deutschem Nacherzähler.
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