Auf dieses Buch trifft auf jeden Fall zu: „Don’t judge a book by the Cover“ – ein grau-weißes Wolkenbild, blaue Schrift, ja selbst der Titel verrät uns kaum etwas über den Inhalt. Meine erste Liebesgeschichte der DDR-Literatur, die ich analysiere, zugleich auch eine der Prominenteren. Verfilmt, ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt.
Nicht umsonst. Bemerkenswert schon ist die Erzähltechnik Ottos: Dialoge, innere Monologe und die Stimme des Erzählers sind ineinander eingebettet. Es gelingt ihm, durch die Dramaturgie der Handlung die Spannung von einem vorläufigen Höhepunkt aufzubauen und bis zum Schluss zu halten. Im Kern geht er der Sache nach, was eine erfüllende Beziehung ausmacht, das es potentielle Partner geben kann, die uns heraufordern, zugleich aber auch den Anstoß geben, einen Teil in uns zu heilen. Nicht zuletzt entspringt der Reiz der Geschichte zwischen Susanne und Christian aus einer glaubhaften, dennoch keinesfalls alltäglichen Gestaltung der Gegensätze, Frau – Mann. Intellektuelle Ordnung trifft auf liebevolle Rauhbeinigkeit.
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
Zeit der Störche
Vor sechzig Jahren erschien Herbert Ottos großer Roman aus dem DDR-Alltag. Wir lesen ihn wieder.
Ein Zug fährt durch die mitteldeutsche Tiefebene, August 1962 oder 63. Im Wartezug stehen die Reisenden dicht, eine junge Lehrerin mit zwei Zöpfen hält einen Koffer auf den Knien. Ein paar Wagen weiter, in der dritten Klasse, sinkt ein Bohrarbeiter ins Halbdunkel. Zwölf Bier intus, breite Schultern, das Lächeln eines Mannes, der niemandem mehr traut. Beide steigen im selben Dorf aus. Krempen heißt es, auf der alten Brennerei steht das Storchennest. Sie kennen sich noch nicht. Sechs Wochen später wird er ihr versprechen, zwei Stunden früher aufzustehen, um die abfliegenden Vögel zu sehen. Für sie mit. Dazwischen liegen 28 kurze Kapitel von Herbert Ottos „Zeit der Störche“. Aufbau-Verlag 1966, wir haben die siebte Auflage von 1972 vor uns.
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