Wer in der DDR aufwuchs, kannte den kleinen Trompeter dreifach. Die drei Bedeutungen begegneten einem nie gleichzeitig — und genau das war die Bedingung dafür, dass sie funktionierten.

Ein Name, drei Orte

Wer als Kind „der kleine Trompeter“ hörte, wusste sofort, was gemeint war. Nur was genau, das hing davon ab, wo man gerade stand. Auf dem Schulhof beim Appell war es ein Lied. Im Kinderzimmer war es ein rotes Bändchen für 1,75 Mark. Am Schultor war es ein Name auf einem Schild.

Drei Dinge, ein Wort — und keines davon erzählte dieselbe Geschichte. Das fiel nur deshalb nicht auf, weil man nie alle drei zugleich vor sich hatte.

Das Lied

Angefangen hat es bei den meisten mit der Melodie. Man konnte sie, bevor man wusste, wovon sie handelte. Der Lyriker Durs Grünbein hat später beschrieben, was in der dritten Strophe passierte — da, wo die feindliche Kugel kommt: Die Stimme brach, die Unterlippe fing an zu zittern. Das ging fast allen so, und es ging ihnen mit sieben so, nicht mit siebzehn.

Was kaum jemand wusste: Die Melodie ist älter als der Mann, den sie besingt. Die Urfassung erschien 1915, Text von Victor Gurski, Musik von Thomas Hagedorn. Sie handelte von Karl Gustav Ulbach, Straßenbahnfahrer in Plauen, Signaltrompeter, gefallen im November 1914 bei St. Souplet in Frankreich. Der erste kleine Trompeter war ein deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg.

1925 wurde der Text umgedichtet, aus dem Husarenblut wurde Rotgardistenblut, der Rest blieb weitgehend stehen. Und dann kam noch eine Änderung, die man nicht bemerkt, wenn man nur eine Fassung kennt. In der Version von 1925 fällt der Trompeter „mit einem so seligen Lächeln“. In der DDR-Fassung, die in den Liederbüchern und Schulbüchern stand, lächelt er mutig. Ein Adjektiv getauscht, ein Himmel gestrichen. Der FDGB hängte später noch eine sechste Strophe an — „Wir bauten den Staat“ —, die in den Neuauflagen wieder verschwand. An diesem Lied wurde vierzig Jahre lang geschraubt.

Der Mann

Die zweite Ebene war die Geschichte hinter dem Lied, und sie wurde immer als das Sichere präsentiert. Tatsächlich ist sie die am besten dokumentierte der drei — es gibt Vernehmungsprotokolle im Landesarchiv in Merseburg, aufgenommen wenige Wochen nach dem 13. März 1925.

Was dort steht: Im Volkspark, dem Vereinshaus der halleschen Sozialdemokratie von 1907, drängten sich acht- bis zehntausend Menschen zu einer Wahlveranstaltung mit Ernst Thälmann. Polizeileutnant Hellmuth Pietzker wollte verhindern, dass die Reden eines französischen und eines englischen Gastes übersetzt wurden. Er sprang auf einen Tisch und zog die Pistole. Dann wurde es laut.

Und dann steht in einer Zeugenaussage der Satz, der die ganze spätere Erzählung trägt: Für einen kurzen Moment kehrte Ruhe ein, als der Trompeter des Roten Frontkämpferbundes — des Kampfverbands der KPD — mehrmals ein Signal blies. Danach fielen innerhalb einer Minute sechzig bis achtzig Schüsse. Zehn Menschen starben.

Hier klafft der Doppelblick. Offiziell hieß es später, Fritz Weineck habe mit seiner Trompete Ernst Thälmann gewarnt und ihm damit das Leben gerettet. In den Akten steht: Ein Signal gab es, mehrfach, aktenkundig — aber es diente der Beruhigung, nicht der Warnung, und es lässt sich nicht belegen, dass Weineck es blies. Beides gleichzeitig stehen zu lassen, ist unbequemer als eine der beiden Fassungen zu wählen, aber es ist die Quellenlage.

Der Mann selbst: siebenundzwanzig Jahre alt, verheiratet seit 1921, ein Kind, Bürstenbinder von Beruf, ein Meter zweiundfünfzig groß. „Klein“ war eine Körperbeschreibung, kein Kosename. Und er spielte Horn, nicht Trompete. Zur Trompete wurde er, weil es das Lied so wollte.

Der Name

Die dritte Ebene ist die, an der man am wenigsten Verdacht schöpfte, weil sie am harmlosesten aussah. 1958 wurde am Saaleufer in Halle ein Denkmal eingeweiht, das Ufer nach Weineck umbenannt. Danach ging es schnell: Straßen, Schulen, ein Regiment der NVA, ein FDGB-Ferienheim in Oberhof für siebenhundert Gäste, ein Pionierschiff auf der Saale. Um 1970 trugen allein im Bezirk Halle über zweihundert Kollektive seinen Namen.

Und die Bücher. Von 1959 bis 1990 erschienen 195 Bände der „Kleinen Trompeterbücher“, Format fünfzehn mal zehneinhalb Zentimeter, Hartpappe, konstant 1,75 Mark — einunddreißig Jahre lang derselbe Preis, was auch damals nur mit kräftiger Subvention ging. Band 1 war die Weineck-Geschichte von Inge und Gerhard Holtz-Baumert, neunzehn Auflagen bis 1985. Für viele Kinder war so ein Bändchen das erste Buch, das ihnen wirklich gehörte.

Der Rest der Reihe hatte mit dem Namensgeber dann nichts mehr zu tun. Bootsmann auf der Scholle, illustriert von Werner Klemke. Märchen der Brüder Grimm. Peter Hacks. Heinrich Heine. Gianni Rodari. Wer „Trompeterbuch“ sagte, meinte am Ende ein Format und keinen Toten — schmal, billig, aus dem Schulbuchladen, mit einem kleinen Trompeter als Signet auf der Rückseite.

Drei Räume

Und hier liegt der Zusammenhang, den man als Kind unmöglich sehen konnte: Die drei Ebenen hatten getrennte Orte. Das Lied gehörte in den Appell, das Buch ins Kinderzimmer, der Name an die Fassade. Sie berührten sich nie. Deshalb konnte niemand bemerken, dass sie drei verschiedene Männer meinten — den Soldaten von 1914, den Bürstenbinder von 1925 und ein Piktogramm auf einem Buchrücken.

Dazu passt ein Befund, der die ganze Sache noch ein Stück jünger macht, als sie sich anfühlte. Die Weimarer KPD hat Weineck nicht zum Märtyrer erklärt. Es gab 1925 eine große Trauerkundgebung, aber keinen Kult. Der entstand erst in den fünfziger Jahren. Wer als Kind glaubte, in eine alte Tradition hineinzuwachsen, wuchs in etwas hinein, das kaum älter war als die eigenen Eltern.

Nur wer Band 1 „Der kleine Trompeter und sein Freund“ der Trompeterbuchserie aufschlägt, hält alle drei Ebenen in einer Hand: Die Geschichte, das Lied, dass auch darin abgedruckt ist und die Buchserie.


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