Bei der Analyse dieses Buches kommen einerseits sofort Ostalgie-Gedanken hoch, denn mit der Einkaufswelt an Lebensmitteln hatte nun wirklich jeder DDR-Bürger zu tun. Zahlreiche Erinnerungen, Marken und Produkte aber auch Episoden in Kaufhalle und Konsum haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Auf der anderen Seite erfährt man in dem Buch aber auch die Kehrseite der staatlichen Organisation und Normierung hinter dem Ladentisch. Typisch deutsch ist alles bis ins kleinste Detail reguliert und normiert. An manchen Stellen liest man zwischen den Zeilen die sozialistische Mangelwirtschaft heraus – insbesondere bei den Produkten, die importiert werden mussten. Ein detailliertes Zeitzeugnis der DDR-Lebensmittel- und Einkaufskultur!
Süßes Erbe der Republik
Wie ein Lehrbuch von 1979 die DDR-Mangelwirtschaft in Haferkakao, Süßtafel und Studentenfutter dokumentiert
Im Sommer 1979, als das Lehrbuch frisch aus dem Druckhaus Freiheit in Halle kam, lasen angehende Verkäuferinnen einen Satz, der heute wie aus einer Glosse der „Eulenspiegel“-Redaktion klingt. Eine „Neuentwicklung“, so der Lehrbuchtext nüchtern, seien die „Anti-Therm-Toffees“, durststillende Bonbons, „besonders für die Arbeitsversorgung in Betriebsabteilungen mit extrem hohen Temperaturen zu empfehlen“. Stahlwerker, Glashüttenarbeiter, Brikettstocher — sie alle sollten künftig mit einer speziellen, durststillenden Toffee-Erfindung der sozialistischen Ernährungswissenschaft erfrischt werden. Es ist ein winziger Satz, aber er öffnet das ganze Buch wie ein Schlüssel.
„Waren des täglichen Bedarfs — Allgemeines Lebensmittelsortiment“, verfasst von Christa Aumann (Ökonom-Pädagogin) und Manfred Muche (Diplom-Handelslehrer), erschien 1979 in dritter, neubearbeiteter Auflage beim VEB Fachbuchverlag Leipzig. Das Ministerium für Handel und Versorgung hatte es per Verfügung vom 14. August 1978 als verbindliches Lehrbuch für die Berufsausbildung von Lehrlingen und Facharbeitern erklärt. Wer in Konsum oder HO-Kaufhalle Verkäuferin werden wollte, musste durch diese 369 Seiten hindurch.
Schon der Titel ist mehrdeutig. „Waren täglicher Bedarf“ — kurz WtB — war zugleich die offizielle Bezeichnung der bezirksgeleiteten Großhandelskombinate, die HO und Konsum mit Lebensmitteln und Drogeriewaren belieferten. Der Buchtitel reproduziert also keine alltagssprachliche Wendung, sondern eine sozialistische Verwaltungskategorie. Das ist mehr als Pedanterie: Es markiert von der ersten Seite an, dass dieses Buch die Welt aus der Perspektive der staatlichen Versorgung sieht — nicht aus der des Kunden, der Hausfrau, des Esstischs.
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