Der ungewöhnlichste utopische Roman bisher. Ich kann mir vorstellen, dass die Absurdität und übergroße Phantasterei dieser Handlung etlicher Leser verschreckt hat, denn Conviva Ludibundus macht es einem nicht leicht. Zum einen mag es daran liegen, dass man sich die Wesen, biolektronische Meereswesen, die dennoch mit dem Menschen kommunizieren könne, schwer vorstellen kann. Auch der Hintersinn und die philosophische Tiefe erschließt sich einem nur schwer, sie wird mitunter verstellt durch die seltsamen Namen und Begriffe die im Roman auftauchen, und die bewusst spielerisch-absurden Handlungen und Gegenstände die hier auftauchen. Das Ende ist wenigstens versöhnlich. Für den der es finden mag: Es gibt nur Parabeln auf das DDR-System sondern auch auf unsere heutige durchtechnisierte Welt, die nun mit KI leben kann und muss. Und das ist nicht mal ein Roman sondern Realität!
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
Der spielerische Tischgast
Zum utopischen Roman „Conviva Ludibundus“ von Johanna und Günter Braun, Verlag Das Neue Berlin 1978
Es gibt Sätze in alten Büchern, bei denen man kurz innehält, weil sie aus der eigenen Gegenwart zu stammen scheinen. Einer davon wird in diesem Roman von einem Wissenschaftler diktiert, der ein intelligentes System dazu gebracht hat, jeden Sandkornwechsel des Meeresbodens zu melden, jeden Hosenknopf, jeden Regentropfen, der ins Wasser fällt — und der nicht mehr aufhören kann. Sein Resümee, das er seinem Mitarbeiter ins Protokoll diktiert, ist von einer Kälte, die heute fast vertraut klingt. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, wovon Johanna und Günter Braun in diesem utopischen Roman von 1978 eigentlich erzählen.
„Conviva Ludibundus“, lateinisch ungefähr „der spielerische Tischgast“, erschien 1978 in erster Auflage beim Verlag Das Neue Berlin. Der Roman erzählt von einem hochbetagten Meeresgärtner namens Philemon, von dem ehrgeizigen jungen Optimierer Mittelzwerck und von den Ludibundi — bio-elektronischen, spielbesessenen Wesen, die im Meeresgarten leben und die kostbare Grüne Muschel, das „Grüne Medaillon“, nicht rauben, sondern an ihrer Entstehung beteiligt sind. Sie nehmen die Muscheln auf, scheiden Säfte aus, von denen wiederum die nächste Muschelgeneration lebt: ein geschlossener Kreislauf, den niemand außer dem alten Philemon durchschaut. Was wie eine harmlose Zukunftserzählung beginnt, entpuppt sich als eine der schärfsten Satiren, die in der DDR je gedruckt wurden — lesbar als Funktionärskritik, als Zivilisationsparabel und als erkenntnistheoretisches Lehrstück darüber, was passiert, wenn man ein System nach Maßgaben behandelt, die seinem Wesen fremd sind.
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