Die Geschichten von Johanna und Günter Braun sind so phantastisch und absurd, dass sie der Zensur davonfliegen. Ein Faszinosum der Verrücktheiten, dass gleichzeitig doch immer wieder unausweichliche Parallelen in der normierten DDR-Welt findet. Der Leser wird leise schmunzeln, oder aber sich an seine letzte Bekanntschaft mit der bleiernen DDR-Bürokratie erinnern? Besonders stark berührte mich der Text „Time-Repayment“, der eine große philosophische Tiefe eröffnen kann, wenn man sich dem Konstrukt hingibt. Gleichzeitig eröffnet er die Sicht auf die Absurdität, Lebenszeit bürokratisch regulieren zu wollen.
Dieses Buch ist ein unglaubliches Festival absurd-ironische Staatskritik der späten DDR, meisterhaft verpackt. Es ist ein kleines Wunder, dass es gedruckt und verkauft werden durfte.
Aus dem dritten Jahrtausend zurückgegraben
Johanna und Günter Brauns „Utofant“ (1981), wieder gelesen vier Jahrzehnte später
Es gibt Bücher, die altern. Es gibt Bücher, die reifen. Und es gibt einen dritten Fall: Bücher, bei denen man irgendwann merkt, dass nicht das Buch sich verändert hat, sondern dass man als Leser nähergekommen ist. Der „Utofant“ von Johanna und Günter Braun gehört zu dieser dritten Sorte. Als das Buch 1981 in Berlin erschien, lasen Zeitgenossen es als Satire auf die DDR-Mangelwirtschaft, und das war es auch. Wer das Buch heute aufschlägt, stößt auf etwas anderes. Auf ein Volk, das spart, ohne zu wissen wofür. Auf eine Erfinderin, die verlorene Lebenszeit zurückzahlbar macht. Auf eine Familie, die nicht mehr miteinander spricht, weil sie ununterbrochen kontrollieren muss, ob ihre Zeit gerade leerläuft. Das alles wirkt heute weniger fern als vertraut.
Aus dem flaschengrünen Prognolit-Deckel
Das Buch beginnt mit einem Trick. Die Autoren treten gar nicht als Erzähler auf, sondern als „Herausgeber“ eines Journals, das sie „beim Graben in der Zukunft“ gefunden haben wollen. Lückenhaft sei das Material, beschädigt durch Chemikalien und Strahlen. Aus den Bänden mit ihren Deckeln aus „flaschengrünem Prognolit“ sei beim Öffnen nur „silbergraues Mehl“ gerieselt. Was vorliegt, geben die Brauns als das aus, was übrig blieb: Fragmente verschiedener Jahrgänge des UTOFANT, eines monatlich erscheinenden wissenschaftlich-technischen Journals aus dem dritten Jahrtausend.
„Der Utofant wurde von uns beim Graben in der Zukunft leider nur unvollständig aufgefunden; manche Seiten sind durch Chemikalienfraß zerstört, andere tragen Brandspuren, einige sind vermutlich von uns nicht bekannten Strahlen so durchsiebt, daß der Text unleserlich geworden ist.“
— Vorwort, S. 5
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