Australien – ein Kontinent, der soweit von Deutschland entfernt liegt, wie man es sich weiter kaum vorstellen kann. Auch in geistiger Hinsicht ist er uns fremd – und scheint am anderen Ende der Welt zu liegen. Das zweite Bemerkenswerte an diesem Buch sind seine mehrstufigen Ebenen: Es geht um die Lebensgeschichte von William Buckley, der als Strafgefangener 1800 von England aus nach Australien geschickt wird. Er flieht, überlebt nur knapp in der Wildnis und lebt 32 Jahre unter Einheimischen im australischen Busch. Die zweite Erzählebene des Buches bildet Helmut Reim als Völkerkundler, der die geschichtlichen Vorgänge in Australien im 19. Jhd. und heftige Erlebnisse des Buckley bei den Einheimischen in der Sichtweise des historischen Materialismus der 1960er Jahre in der DDR einordnet und ideologisch überformt dem Leser erklärt. Es gibt sogar noch eine dritte Ebene, die dazwischen liegt, denn William Buckley schrieb die Geschichte nicht selbst auf. Der Redakteur John Morgan interviewte ihn und verfasste ein Buch, auf das sich die Recherchen zum großen Teil stützen.
Auszüge aus dem Feuilleton-Artikel:
Ein Eisenkessel im Busch
Zum Band „Ein australischer Robinson“, Leben und Abenteuer des William Buckley, bearbeitet von Helmut Reim, F. A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1964
In der Nacht des 27. Dezember 1803 flohen fünf Männer aus dem englischen Sträflingslager an der Port-Phillip-Bay. Sie hatten eine Vogelflinte mitgenommen, ein paar Zinntöpfe, einen eisernen Kessel. Schon am nächsten Morgen war ihnen der Kessel zu schwer. Sie warfen ihn weg. „Dort wurde er“, erzählt William Buckley fast fünfzig Jahre später, „zweiunddreißig Jahre später von Männern gefunden, die das Land rodeten, um einen Acker anzulegen.“ Ein Satz, der ein Menschenleben zusammenpresst. Zwischen dem weggeworfenen Kessel und seiner Wiederentdeckung liegt eine Geschichte, die der Leipziger Ethnologe Helmut Reim 1964 dem deutschsprachigen Publikum erstmals erschloss, in einer Form, die heute kaum noch jemand zu bauen versteht.
William Buckley, geboren 1780 in Macclesfield, Grafschaft Cheshire, war Maurerlehrling, dann Soldat in der Cheshire-Miliz, ab 1799 im Vierten Königsregiment. Er kämpfte im desaströsen Holländischen Feldzug, wurde an der rechten Hand verwundet, geriet 1802 in eine Sache, über die er später nie sprach. Reim rekonstruiert es: Hehlerei. Lebenslängliche Deportation. Mit der „Calcutta“ kam er am 9. Oktober 1803 nach Port Phillip. Die Strafkolonie dort wurde wenige Monate später wieder aufgelöst, weil London den Franzosen unter Baudin zuvorkommen wollte und Tasmanien für wichtiger hielt. Aus einer geopolitischen Verlegenheit geboren, an einer geopolitischen Verlegenheit gescheitert: das war der Rahmen, in dem der 23-jährige Buckley in die Wildnis floh.
Was dann folgte, ist die längste Robinsonade der Weltliteratur. Zweiunddreißig Jahre lebte Buckley unter den Wathaurung-Aborigines im heutigen Victoria. Eine Adoption rettete ihm das Leben. Mit einem Stück Speer in der Hand, das er von einem Grabhügel mitgenommen hatte, wurde er von den Aborigines als der zurückgekehrte Murrangurk erkannt: der frühere Träger jenes Speers, vor kurzem im Kampf gefallen. Buckley war damit kein Eindringling mehr, sondern der wiederauferstandene Stammesgenosse. Er bekam die Witwe seines Vor-Ich zur Frau, der Bruder des Toten wurde sein „Schwager“, ein junger Mann sein „Neffe“. Reim entwirrt in seinen Kommentaren geduldig, was diese Begriffe verschleiern: Buckley hatte unter den Wathaurung eine Familie. Er hatte Kinder. Der Text selbst sagt das nicht. Aber Reim führt die Aborigine-Verwandtschaftsterminologie mit der viktorianischen Prüderie zusammen und macht es sichtbar.
Hier sollte ich in die Kunst und die Geheimnisse eingeführt werden, wie man anderen Leuten Häuser baut, worin sie wohnen können. Für mich hingegen sollte das Schicksal zweiunddreißig Jahre lang Behausungen ganz anderer Art parat haben, nämlich solche, deren Dach einzig und allein der weite Himmel war.
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